top of page
Ar18_4568_So4873.JPG

In der Hand des Wettergottes

22. Februar Der Wecker klingelt zuverlässig. Wir lauschen - Blätterrauschen, Wind, viel Wind. Heute wollen wir den Lanin queren, aufsteigen auf fast 2000 Meter. Wir sind uns einig, dass wir nur bei gutem Wetter aufbrechen. Der warme Schafsack ist verführerisch, ich kuschel mich noch einmal in die Daunen. Einschlafen kann ich nicht mehr ... "Laninquerung"  hämmert es in meinem Kopf. Mit sehr viel Respekt denke ich daran. Stundenland dort oben in dieser unwirtlichen Gegend - und wenn dort Sturm tobt... Unruhig pelle ich mich aus dem Schlafsack und schiebe den Zeltreißverschluss hoch und verlasse das Zelt. Seltsam, der Wind ist gar nicht so stark. Das Blätterrauschen hat uns getäuscht. Mit meiner Feststellung versuche ich Roland zum Aufstehen zu überreden. Verschlafen und unwillig steckt er den Kopf aus dem Zelt: Nein, viel zu viel Wind. Trotzdem beginne das Einpacken. Dann hält auch Roland nichts mehr im Schlafsack. Das Wetter hat einen prächtigen Morgen gezaubert. Jeder Handgriff sitzt und schnell ist das Zelt verpackt - allerdings ist es nun schon 10 Uhr. Selbst wenn wir beim Satteln und Packen der Pferde den Turbo einschalten, ist an einen Start vor 11 Uhr nicht zu denken. Wir schauen immer wieder zum Gipfel des Lanins. Für den Aufstieg, die Querung der beiden gefährlichen cañadas (Canyons) und den Abstieg bis zur nächste Futterstelle brauchen wir mindestens 8 Stunden. Es wäre unvernünftig, jetzt noch loszulaufen. Außerdem haben die Pferde Hunger. Es fehlt an Rauhfutter. Die abgefressenen, ausgetrockneten Grasbüschel auf der Koppel reichen nicht mehr zum Sattwerden. Von der Genarmerie und Celeste können wir zwar säckeweise  Hafer, aber keinen Fardo (Alfalfabündel) bekommen. Das späte Aufstehen und der Futtermangel nehmen uns die Entscheidung ist ab: Wir bleiben und beschaffen heute Pferdefutter. Zum Glück hab wir vorgesorgt. Einige Kilometer südöstlich an der Ruta 60, die wir bei unseren Ritt passiert haben, können wir auf der Est. Mamuil Malal Fardo kaufen. Roland versucht ein Auto aufzutreiben, am besten einen Pickup. Der Transport unserer Fracht in einem PKW ist eher ungünsig. Fardo, das ist ein krümelnder Quader getrockneter, gepresster Luzerne von ungefähr 50 x 40 x 40 Zentimetern Seitenlänge und wiegt 25 Kilogramm. Nicht nur kein Pickup, sondern gar kein Auto ist unter den wenigen Touristen oder Guarda Parkes zu bekommen. Klar, die Holperpiste fährt man nur, wenn man muss. Uns bleibt nichts übrig, als wieder mal "para dedo", per Anhalter zu fahren. Die wenigen Fahrzeuge, die vom Paso de Mamuil Malal über die chilenische Grenze kommen, sind Touristen mit voll bepackten Urlaubsautos. Nicht einmal ein Rucksack hätte darin noch Platz. Wir stehen, hocken, sitzen und warten gefühlte 50 Stunden an der staubigen Piste. Dann endlich, ein Franzose, Leiter einer geführten Autorally "Nord-Süd" hält, vollzieht einen Fahrerwechsel und freut sich über Passagiere, die nicht nach der Strecke fragen. Kurz darauf steigen wir an der Zufahrt zur Estancia aus. Mittagszeit. Ein wenig liebäugelten wir mit einer Einladung zum Essen ... Vier unbeschwert lachende große Jungs sitzen bei lauter Musik im Schatten vorm Haus. Der Junior parkt uns mit Wasser "on the Rocks" auf der sonnigen Terrasse des Hauses im bayrischen Stil und rät uns, auf den Papa zu warten, der gleich zum Mittagessen auftauchen wird. Wir sitzen in dem gepflegten Ambiente eines englischen Parks und fühlen uns ein wenig in das Leben wohlhabender Argentinier ein... als kurz darauf der Jeep im Safaristil mit zwei, bis an die Zähne bewaffneten, Insassen vorm Haus hält. Die Jungs stehen sofort stramm und erklären unsere Anwesenheit. Der Papa fragt mit misstrauischem Blick, was er für uns tun könne, nicht ohne bei mir den Eindruck zu erwecken, wie ungehörig er unsere Anwesenheit auf seiner Terrasse findet. Fardo? Kein Problem. Wie viel? Quatro. Kein Problem. Wir haben aber ein Problem: Wir haben kein Fahrzeug. Er überlegt kurz -  sein Sohn könne uns fahren.  Roland traut sich noch zu fragen, ob er uns Fleisch verkaufen könne. "Nein. Fardo, Fahrt und Suerte". Ok. Klare Ansage. Wir bedanken uns höflich. Die vier Quader schenkte er uns. Der braunäugigge Sohn und ein weiterer schlacksiger junger Mann laden an der Scheune die vier Quader ein und fahren uns zurück zum Campingplatz. Auf der kurzen Fahrt plaudern wir mit den netten Jungs. Ob der schon eine Fahrerlaubnis hat, schießt es mir kurz durch den Kopf. Keiner, außer mir, wird solche Gedanken haben. Ich muss über mich schmunzeln. Er fährt und fährt gut. Immer mal wieder prallt meine Erziehung mit ihrer einschränkenden Enge auf unkonventionelle, patagonische Tatsachen. Stück um Stück weitet sich diese Enge. Noch ist mir peinlich, wenn Roland mit kecker Selbstverständlichkeit Grenzen überschreitet, die für mich gesetzt erscheinen... Wir deponieren zwei Bündel am Zelt und tragen Nr. 4 sofort zur Koppel. Nr. 3 schenken wir der Gendarmerie für ihre Gastfreundschaft. Während Roland mit unserem Weidedraht ein Stück der großen Koppel für unsere drei abtrennt, öffne ich den Ballen und lege drei, in etwa gleichgroße Haufen zwei Pferdelängen voneinander entfernt in diesen geschützten Bereich. Jefe, Trueno und Söckchen kauen zufrieden mit ebendieser Selbstverständlichkeit die zusätzlichen Futterportionen. Gleich beginnt das "Futterkarussell". Reihum vertreibt Jefe, der Chef, einen der anderen beiden von deren Futterhaufen. Hat es Trueno getroffen, so vertreibt dieser Söckchen, der sich nachgebend, aber unbeeindruckt  an den unbesetzten Haufen begibt, um weiter zu fressen. Diese Szene widerholt sich einige Male, bis das Futter aufgefressen, oder die Pferde satt sind. Wobei Söckchen nicht wirklich satt wird. Er frisst, bis nichts mehr da ist. Im Gegensatz zu Jefe und Trueno, die auf fetten Löwenzahnwiesen aufgewachsen sind, kommt er aus der Estepa, der Steppe, und ist gewohnt zu fressen, sobald und solange Futter vorhanden ist. Am späten Nachmittag kommt stärkerer Wind auf. Wir fragen einige Bergsteiger, die in vier Stunden vom Gipfel des Lanin absteigen. Nein, ab dem Refugio auf 2300 Metern war heute kein Wind. Wäre es heute unser Tag gewesen? Haben wir das gute Wetter verpasst? Wir suchen Celeste, die junge Guarda Parque mit den sich lustig kringelnden schulterlangen Haare. So quirlig wie ihre Haare ist sie auch selbst, immer im Laufschritt, immer fröhlich und immer 20 Dinge auf einmal erledigend. Eigentlich wollen wir nur das morgige Wetter für unserer Laninquerung "V2.0" erfragen ... Auf einmal fiel aller Stress von ihr ab und sie lud uns in ihr Haus ein. An ihrem Küchentisch war heimelig, entspannt und endlich war Zeit, uns auszutauschen. Celeste erzählt uns von ihrer Arbeit als Ranger: Wie sehr sie sich immer über den liegen gelassenen Müll ärgert. Wie zu Hause, dachte ich. Doch hier war mir das noch nicht aufgefallen, wohl, weil wir abseits der Wege und Touristenpfade unterwegs sind und keine Menschen treffen. Die wenigen Verpackungsreste, die bei uns anfallen, schleppen wir immer brav bis zur nächsten Zivilisation mit, um sie dort abzugeben. Bis zu einem Schlüsselerlebnis: Mehrere Tage haben wir unser Tütchen an den Übernachtungsplätzen immer wieder ein- und ausgepackt und durch Wildnis und Einsamkeit getragen, um es schließlich am nächsten Campingplatz anzugeben. Er wurde uns abgenommen und im selben Augenblick dem Lagerfeuer übergeben. Nein, das ist unfassbar - für uns. Aber gängige Praxis bei allen Einheimischen. Celeste mit ihrem Umweltbewusstsein ist eine Ausnahme! Sie erzählt uns von den rituellen Treffen der Mapuche am heiligen Berg Lanin. Auch dort sieht es hinterher wie auf einer Müllhalde aus. Unfassbar: Das passt nicht in mein Indianerbild. Celeste lacht Tränen, als wir sie nach dem Mittagessen für die Bergsteiger im Camp auf 2300 Metern Höhe fragen. Mittagessen??? Wir müssen erklären: Im Informationsgebäude der Guarda Parque haben wir eine Liste mit einer zweispaltigen Tabelle liegen sehen. Im Tabellenkopf einmal "Pollo" also Hühnchen und über der anderen ein Wort, dass wir nicht übersetzen konnten. Darunter die Aufzählung von Namen der Bergsteiger, die heute den Lanin besteigen. Wir schlußfolgern: Man trägt sich im Basislager für die Essenliste ein. Sofort war uns klar, dass die zahlreichen Hühnerkücken im Garten des Wohnhauses für den Kochtopf bestimmt sind. Celeste lacht noch immer und wir stimmen in das Gelächter ein, als wir erfahren, dass Pollo der Spitzname eines Bergführers ist :-).  Und wir hatten schon den Gedanken, für das leckere Mittagessen zum Refugio zu steigen... Die Fantasie treibt lustige Blüten. Ja, das Thema "Essen" ist und bleibt für uns ein zentrales Thema.

bottom of page