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Märchenwald, Mückenhorror und Zweifel

Eigentlich ist mir von Anfang an klar gewesen, dass Roland einen Weg zwischen Coll Tres Pikos und dem Cerro Plataforma finden will. Und nun, so kurz davor, würde nichts auf dieser Welt Roland davon abbringen, den Weg auch zu suchen. Von oben, dem Rand der Plataforma, haben wir gestern große Mallines gesehen. Dorthin treiben die Gauchos sehr wahrscheinlich Rinder, so dass wir bestimmt Pfade finden. Und richtig, wir finden den Einstieg in einen gut machetierten Pfad und landen im Märchenwald. Ich bin verzaubert von den alten Bäumen, dem knorkeligen Wuchs und der besonderen Atmosphäre, die von diesen alten Südbuchen ausgeht. Wenn Gnome leben, dann hier. Überall schauen sie mich grinsend an und ziehen mich in ihren Bann. Ich kann mich einfach nicht satt sehen und bin froh, wenn wir längere Zeit anhalten, weil Roland den Weg suchen muss. Ich nutze diese Zeit, um mich in dieser Welt zu verlieren. Welche bizarren Gebilde aus Wurzeln, Felsen, Stämmen, Moosen und Bächen entstehen können! Faszinierend! Ich könnte es tagelang hier aushalten. Diese alten Bäume haben Kraft und sie geben davon ab. Wir durchstreifen einen magischen Ort zum Energie tanken. Was für ein Privileg! Der Weg bis zur letzten Malline mit einer kleinen Lagune ist gefunden. Hier werden wir unser Nachtlager aufschlagen. Roland baut die Koppel auf, wir satteln ab. Dann hält ihn nichts mehr: Er muss den weiteren Weg suchen.

Ich baue das Zelt auf und richte es ein. Es ist noch nicht so spät, die Sonne steht noch hoch so nutze ich die Zeit um Wäsche zu waschen und am Feuer zu kochen. Dieser wunderschöne, stille Ort hat einen Nachteil: Er beheimatet Myriaden von Mücken und Tabanus (Bremsen). Über meine Boina stülpe ich mein Moskitonetz, supi, nicht umsonst mitgeschleppt, und kann so wenigstens das Gesicht vor Stichen schützen. Es ist Horror. Die Mücken haben sich auf meine unbedeckten Hände spezialisiert, während die Bremsen versuchen, den Stoff der Kleidung zu durchbohren. Sie schmeißen ihre kleinen Bohrer mit einem durchdringenden "sssssss" an. Wenn sich die Frequenz dieses Geräuschs erhöht, wird es Zeit zuzuschlagen, dann sind sie kurz vorm Stechen. Doch alles Fluchen nützt nichts. Ich bin hier der Gast in ihrem Lebensraum. Ich werde die Plagegeister nicht los. Irgendwann schaltet der Körper auf „Ignorieren“ um. Sehr viel gelassener lasse ich mich stechen... Weil meine Essensvorräte zur Neige gehen, werde ich kreativ. Mehl habe ich ja von den Gauchos bestimmt 2 kg bekommen. Ich knete Teig und backe Knüppelkuchen, nicht aus Spaß, sondern weil ich Hunger habe. Superlecker. Stunden später kommt Roland schweißgebadet zurück. Begeistert erzählt er vom Tal, umgestürzten Bäumen, Felsen und Wegen, die zu finden möglich sind. Es sind ca. 5 Kilometer, die man irgendwie überwinden muss. Ohne Essensvorräte und Motorsäge entscheide ich mich dagegen. Abenteuer Roland ist traurig und wünscht sich seinen Freund Olli her, mit dem er schon viele Abenteuer auf dem Motorrad erlebt hat. Ich schlafe lange nicht ein. "Was mache ich hier", geht mir durch den Kopf, blockiere ich Rolands Abenteuerlust? Ich bin mit ihm unterwegs und lote meine Grenzen aus. Mit ihm wage ich mich viel weiter aus meiner Komfortzone heraus, als ich mir allein zutrauen würde. Werde ich nun zum Klotz, zur Abenteuerbremse? Er wollte mich ja auch dieses zweite halbe Jahr mitnehmen, beruhige ich meine Gewissensbisse und schlafe darüber ein.

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