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Söckchen wird Don Socke und ich streife Vergangenes ab

Die Woche Sonderurlaub auf einem der für mich schönsten Flecken Nordpatagoniens verfliegt mit dem immer wieder auffrischendem Wind. Ich habe nichts wirklich zu tun, als mich zu versorgen, es mir und meiner Wunde gut gehen zu lassen, die Gegend zu erkunden, das Campoleben auf mich wirken zu lassen und zu schreiben. Die Eindrücke und die Zeit aktivieren mein Denk- oder besser meine Erinnerungszentrum.

Durch Erzählungen der Menschen und eigenen Erinnerungen schiebt sich immer wieder die Vergangenheit ins Jetzt. Sie stört. Ich will sie nicht, habe sie nicht bestellt, nicht gewünscht. Und doch ist sie da. "Weg damit!" rebelliert mein Wohlbefinden. "Du weisst doch, so funktioniert das nicht," serviert mir sofort meine innere Heldenreiselehrerin eine Fehlermeldung.

Mir fällt mein Workshop "Loslassen" ein. Mit einem wirkungsvollen Ritual begleite ich Menschen, die etwas loslassen wollen. Eine Erinnerung, eine gescheiterte Beziehung, einen ungeliebten Job… Nun begleite ich mich selbst. Beteiligter und Ritualmeister gleichzeitig zu sein, ist schwierig - es fehlt der neutrale Blick und vor allem das unbeteiligte Herz.

Immer wieder sendet das Leben neue Informationen, die mir zu schaffen machen wie klebriger Honig, der langsam vom Löffel tropft, aber dennoch süße Spuren hinterlässt.

Eines Morgens klettere ich die kleine Anhöhe hinauf, mitten im Araukariernwald. Eine dieser Urgroßmütter scheint mich zu rufen. Ihr mächtiger Stamm lädt mich ein und ich lasse mich auf einem ausladenen Wurzelfuß mit der dicken gefurchten Rinde nieder. Ich ateme. So komme ich ganz zur Ruhe und werde mir klar darüber, was ich in einer schamanischen Reise erfragen will. Dann packe ich Luzi, meine kleine Reisetrommel aus und begleite meinen Atem mit ihren monotonen Klängen. Budum. Budum. Der Rhythmus trägt mich fort. Vergangenes, Zukünfiges und das Jetzt verschwimmen. Zeit löst sich auf und es existiert nur noch der eine, zeitlose Raum, in dem alles gleichzeitig neben- und miteinander exisitert.

"Wenn du die Vergangenheit immer wieder erneuerst, kann der Schmerz nicht gehen. Erfreue dich an der Schönheit des Moments. Halte nichts fest. Ich lebe schon über 800 Jahre. Meinen Erinnerungen gebe ich ins kollektive Feld ab. Dort können sie anderen nutzen. Ich lasse los, weil ich weiß, dass es dort aufgehoben ist. Nicht das Individuum muss die Erfahrungen konservieren. Du darfst sie erleben und - abgeben. Im großen Gedächtnis gehen sie nicht verloren."

Söckchen tritt aus dem Schatten von Jefe und wächst in seine Größe

Ich weine, so berührt bin ich von der Weisheit der alten Dame. Meine Tränen sind gleichzeitig Symbol fürs Fließenlassen, fürs Gehenlassen. Sie schaffen Platz für Neues, für neue Erfahrungen. Eine Anweisung aus meinem Workshop unterstützt mich: Dein Wille, deine Intention ist entscheidend. Denn Energie folgt der Aufmerksamkeit. Langsam komme ich wieder im Jetzt an. Luzi verstummt. Sanft lege ich meine Hand auf die rissige Oberfläche der Auraukarie und bedanke mich für die Lektion.

Einen anderen Tag laufe ich über die weite Ebene des Rio Trolope und werde beschenkt. Ich entdecke zwei Stellen, an denen das Heilkraut Kazelagua - gegen Grippa - wächst. Es sind keine üppigen Bestände, aber soviel, dass ich einige Pflanzen zum Trocknen pflücke. Einen Teil schenke ich am Abend Ivan, dem ich erklären muss, wo sie wachsen.

Es ist ein lustiger Abend mit Mate und Modenschau. Ivan zeigt mir mehrere Generationen Ponchos. Traditionelle und richtig moderne. Keine, die für Volkloreabende gemacht sind, sonderen eine richtig gute Arbeitskleidung für Gauchos, die bei jedem Wetter draußen unterwegs sind. Das modernste Modell ist aus Chile. Ein flauschig gefütterter Synthetikstoff, beidem mir klar ist, dass selbst der fieseste Regen und stärkste Sturm den Träger wie in einem warmen Zelt reiten lassen. Der Preis ist für einen Gaucho fast unerschinglich. Doch Ivan hat das Geld aufgetrieben und sich diese Annehmlichkeit gegönnt. Ivan ist von meiner Strinlampe begeitsert - beide Hände sind frei. Wir vereinbaren, dass ich sie ihm nach meiner Reise überlasse. Das freut mich sehr. Denn schon so oft habe ich gerätselt, was ich den Gauchos als Dankeschön für die Gastfreundschaft mitnehmen kann.

In der Nacht friere ich das erste Mal. Ivan hatte den Ofen - eine umgebaute Blecktonne - mit vertrockenten Araukariernzweigen eingeheizt, so dass ich gut durchgewärmt ins Zelt krieche. Das hat mich offenbar leichtsinnig werden lassen. Der Wind pfeift durch die Absite des Zeltes. Ich muss sie nur schließen und schon bleibt mir die von meinem Körper produzierte Wärme erhalten. Es dämmert schon, als ich wieder einschlafe.

Ivan hat eingeheizt

Den nächsten Vormittag widme ich der Sattelpflege. Ivan hat mir grasa, rohes Fett von einer Ziege, mitgebracht. Damit reibe ich die Lederteile von den in der Sonne vorgewärmten Sätteln ein. Bei Söckchens Vordergurt hatte ich diese Pflege vernachlässigt. Das Leder ist spöde geworden und bei der erstbesten Gelegenheit - einem mutigen Sprung über eine sumpfige Stelle - gerissen. Meine Reparatur hielt leider auch nur nur bis zur nächsten Mutprobe. Zum Glück hatte ich ausreichend Material in meinem Reparaturset. Nun ist wieder alles funktionsfähig und kann beim nächsten Mutsprung getestet werden. Auch meine Wanderschuhe bekommen eine gehörige Portion Fett ab. So reißt das Leder an den vielbeanspruchten Stellen nicht und das Wasser bleibt draußen. Ich muss nun nur noch besser aufpassen, dass streunende Hunde kein Gefallen an dem Geruch finden.

Achja, einen Waschtag hatte ich auch schon. Ich durfte duschen. Warm! Und mit warmen Wasser Wäsche waschen. Das Angebot nutze ich für Söckchens Sattelunterdecke. Nach der letzten, überstürzten Abreise im April 2020 war das noch nicht möglich. Oh, Mann, was da für eine schwarze Brühe rauskommt. Jetzt ist sie wieder richtig kuschlig, die braune DDR-Wolldecke meiner Mutti, die unsere Ritte schon seit 2014 begleitet. Nachts dient sie mir und tags dem Söckchen.

Söckchen ist gereift. Er ist jetzt der Chef unserer kleinen Herde. Und er ist dem "-chen" wirklich entwachsen. Ich kenne sein genaues Alter nicht. Es dürfte zwischen 16 und 22 Jahren liegen. Er hat mehr als 7000 Kilometer Wanderreiterfahrung in den Anden. Er kennt fast jede Situation. Ich bin mit einem erfahrenen, weisen Mann untwegs. Und dennoch fällt es mit schwer, "Socke" zum Söckchen zu sagen. Wie es bei den Indianern üblich ist, kommt man mit einem neuen Lebensabschnitt einen neuen Namen. Don Socke?

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