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Wie ein Missgeschick zur Heilung beiträgt

Der 25. Januar beginnt wie jeder der letzten Tage. Zufrieden habe ich beide Pferde gesattelt und stehe abrittbereit in Claudias Garten in Caviahue. Naja, der Garten ist mehr eine ungenutzte Wiese hinter dem Haus, auf dem die beiden Pferde reichlich Futter gefunden haben. Gras, Cana, ein Schilfgewächs und kleine Bäumchen wurden abwechselnd gekürzt.

Söchcken hat sich mit seiner "Bauchkratz-Nummer" in die Herzen von Claudia und Flor getanzt. Er sucht Stäucher passenden Größe und massiert sich mit einer Hin-und-Her-Bewegung von einem Bein aufs andere eine juckende Stelle an der Bauchnaht. Claudia hat das ganze mit Musik gefilmt: Söckchens Tanz. Mein Auftauchen in Caviahue hat für Aufmerksamkeit gesorgt. Gestern Nachmittag fragt mich Claudia, ob ich ein Interview im Radio geben würde. Ein Redakteur wäre am Telefon. Hm, mit meinem Spanisch? Das macht nichts, meint Claudia und reicht mir ihr Telefon. Und schon gehts los. Ich antwortete auf etwas, was ich zu verstehen glaube. Manchmal greift Claudia helfend ein und manchmal fragt der Redakteuer einfach noch einmal. Offenbar war meine Antwort nicht ganz passend zur Frage.

Wir sind wieder unterwegs. Caviahua liegt gerade hinter uns und die Suche beginnt. Im steilen Hang muss es einen Weg geben. Die mannshohen Sträucher verbergen alles und ich suche hin und her, um den Eingang zu finden. Nichts. Wieder zurück. Ich beginne die Suche von vorn, indem ich am Bachlauf hin und her alle Spuren verfolge, die ins Gebüsch führen, um nach einigen Metern festzustellen, dass auch diese Spur keine Entrada, kein Eingang war. Ich komme ins Schwitzen und denke, jetzt könnte mal einer kommen, den ich fragen kann… Wie das mit den Wünschen so ist, manche werden gleich erfüllt. Drei Gauchos tauchen auf und fragen, was ich mache. "Busco la entrada en el camino." Ah, einer reitet einige Meter vor und meint: "Hier gehts rauf." Ich bedanke mich. Dann verschwinden die drei. Ich folge dem Pfad, doch verfitze mich bald wieder. Nein, ich bin wirklich kein guter Pfadfinder. Das Umdrehen mit Packpferd auf den nicht mal pferdebreiten zugewachsenen Pfaden ist anstrengend - zum Glück sind meine beiden so verständnisvoll und machen gut mit. "Canela, bitte umdrehen." Noch etwas am Halfter zuppeln und sie versteht. Es geht wieder zurück, woher wir gekommen sind, um einen neuen Abzweig zu suchen. Ich höre ein Rufen. Die drei Gauchos sind auf einmal wieder aufgetuacht und rufen mir etwas zu. Ich reite ihnen bergab ein Stück entgegen. "Komm mit uns, wir nehmen jetzt auch diesen Weg." Vorher hatten sie mich überzeugen wollen, einen anderen Aufstieg weiter im Western zu nutzen. Der sei bequemer und nicht so steil. Doch dort hatte ich gar keine Anhaltspunkte im GPS gemarkert, deswegen wollte ich den lieber nicht nehmen.

Wir steigen die Stiege des Teufels hoch

Hinterher ist man immer schlauer. Der andere Weg wäre oben am fast selben Punkt herausgekommen - nur eben bequemer. Denn unser Aufstieg war die Katastrohpe. Felsen, Geröll, Steine und fast senkrecht bergauf. Die Gauchos waren natürlcih viel schneller, als ich mit meinem Gespann.

Doch das beeindruckte mich nur bedingt und ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Söckchen bekommt seine nötigen Pausen und die Zeit, jeden Stein genau anzusehen. Canela hat Zeit die fetten Rispen der Gräser zu naschen. Oben gibt es ein Pause für alle und wir kommen etwas ins Gespäch. Ob das Pferd Canela ist? Überrascht nicke ich und erzähle, dass ich sie vor 2 Wochen gekauft habe. Nun erfahre ich einiges zu ihrer Vorbesitzerin Marica. Man kennt sich hier eben.

Alle Pferde sind vom Aufstieg erholt und es geht weiter. Später erfahre ich, das der Aufstieg "Stiege des Teufels" genannt wird. Passend, finde ich. Ich entschließe mich, das nächste Mal den bequmeren Weg zu wählen. Die drei jungen Männer entpuppten sich als Kräuterspezialisten. Sie sammeln Cocablätter und ein blaues Blümchen. Mein Pflanzenradar ist auf Empfang gestellt. Die Cocablätter kauen zwei der Gauchos mit Cola oder Wein aus der Colaflasche. Das blaue Blümchen, "Kazchelagua" gesprochen, ist ein Mittel gegen" Gripa". Aber nur sehr wenig solle ich davon verwenden, in den Mate zum Beispiel. Ich erlöste die drei von unserer Trödelei und verabschiede mich mit dem Hinweis, dass ich nun den Weg mit dem GPS finden werde. Ich bekomme ein Abschiedsgeschenk: einer Männer holt aus seiner Satteltaschen ein Sträußchen der blauen Blümchen und reicht sie mir mit der Warnung: Aber nur sehr wenig!

Bald sind die drei Gauchos aus meinem Blickfeld verschwunden und ein saftiges Tal breitete sich vor uns aus. Pause! Söckchen und Canela stimmen sofort zu und beginnen die Ähren der Grashalme genüsslich abzuzupfen. Was für eine Fülle. Ich spanne eine provisorische Koppel und … will eigentlich Mittagspause machen. Doch mir fehhlt die nötige Ruhe dazu.

Mit Pflanzenspezialisten unterwegs - Zum Abschied gibts ein Geschenk

Mein Körper hat keinen Hunger, obwohles Zeit wäre. Mir wird bewusst, wie weit ich mich noch außerhalb meiner Komfortzone bewege. Das Unterwegssein ist noch lange keine Routine geworden und meine Körper reduziert alles aufs Nötigste. Ich kaue dennoch etwas - Das von Flor frisch gebackne Brot und den Mapuchekäse, den ich vor drei Tagen gekauft hatte. Seit Beginn meiner Reise habe ich bestimmt schon fünf Kilogramm abgenommen. Nicht bewusst. Ich habe einfach keinen Hunger. Wieder einmal vertraue ich meinem schlauen Körper. Er weiß besser Bescheid als ich - und wenn er jetzt den Sparmodus fährt, soll´s ok sein. Und ehlich, ohne die Speckschicht aum die Hüften fühle ich mich auch viel wohler. Es ist wieder Platz in der Hosen und nichts kneift beim Hinsetzen. Wir queren das Gebiet der alten Militättherma. Ein ehmaliges Krankenhaus in dem ein bekannter Politer seine Schuppenflechte behandeln lassen haben soll. Als meine Augen das Gebiet scannen, fällt ein Lächeln in mein Herz. Ich sehe dort mehrere Pferde grasen. Eine schmerzliche Erinnerung darf heilen: Vor zwei Jahren war hier ein einziges Pferd angepölt. Es freute sich über die Gesellschaft von unseren Pferden so sehr, dass es sich losriss, als wir weiterzogen. Ich hatte noch nie ein traurigeres, herzzerreißenderes Wiehren gehört. Diese Begegenung ging mir damals sehr nahe. Ein Schrei aus der Einsamkeit, der mich bis ins Mark erschütterte. Warum es in mir so eine Resonanz fand? Das Bild von damals war sofort präsent und durfte heilen - eine kleine Herde graste jetzt dort. Keine einsame Seele. Und auch ich bin, obwohl allein unterwegs, keine einsame Seele. Manchmal heilen Begenungen Menschen, Orte und Tiere auf einmal.

Ich bin glücklich im Vorbeiziehen. Rast machen wir diesmal nicht. Meinde beiden Fellnasen haben einen vollen Bauch und Söckchen ist dieser Schwefelgeruch nicht geheuer. Ständig drängt er, weiterzugehen. Ich verpasse den den Einstieg in den schönen Pfad auf der anderen Talseite des Arroyos und muss ein weiteres Stück an der Ruta, einer unbefestigten Landstraße, entlang laufen. Ein Pickup hält und ein Paar steigt aus. Wir plaudern eine Weile. Sie outen sich als Reisende, die einige Monate mit Auto und ihren Drahteseln das Land erkunden. Dann endlich kann ich von der Piste abbiegen. Ein staubiger Fahrweg führt Richtung Tagesziel. Zuvor läd uns eine Lagunatia mit prächtigem Gras zu einer weiteren Pause ein. Das können wir uns auf keinen Fall entgehen lassen. Söckchen stellt sich ins Wasser und füllt sich erst einmal den Bauch. Ich setze mich ins Gras und genieße den Ausblick: Söckchen mit Laguna und Vulkan Copahue im Hintergrund. Als beide satt sind, schlendern wir weiter, streifen ein Puesto, an dem wir Wasser angeboten bekommen und stehen bald im Märchenwald. Ein Wald von Araukarien. Staunend schaue ich mich um - besimmt steht mein Mund offen. Nun fühle ich mich noch weiter vor der mir bekannten Welt entfernt. Diese Urgewächse beeindrucken mich immer wieder so stark, dass ich mich magisch angezogen fühle. Ich kann einfach nur mit ihnen sein, ihnen zuhören und ihre Energie tanken. Jahrmillionanalte Energien, Urenergien, Überlebenskünstler und wunderschöne lebende Fossilien. Märchenhaft. Käme jetzt ein Dinosaurier um die Ecke, würde es mich kein bischen wundern. Mein Herz hüpft voller Glück! Worüber ich immer wieder staunen kann, dass dieses harten Zacken, die anstelle von Blättern ringförmig um die Äste wachsen im Wind klingen, als würden Blätter rauschen. Ein Phänomen für mich. Ich reiße mich und die Grasknospen knabbernden Pferde los. Nur noch wenigen hundert Meter trennen uns von der Estancia Trolope, unserem Nachtlager.

Söckchen an der Lagunita vorm Vulkan Copahue

Dann verlasse ich den Pfad, um einen direkten Abstieg zum Haus zu suchen. Dabei passiert es: ich rutsche auf einer bemoosten Steinplatte im Bachbett aus. In Bruchteilen von Millisekunden zieht es mir die Füße weg. Ich liege im Wasser, sehe verschwommen und Blut tropft von meinem Kopf. Insinktiv greife ich an die Stelle und spüre einen Splitter meiner Brille über der Augenbraue stecken. Ohne zu überlegen ziehe ich ihn raus und presse meine Boina auf die blutende Stelle. Es suppte ganz ordentlich. Ich überlege kurz, was ich tun kann. Da ich mich direkt oberhalb vom Haus befinde, rufe ich. Keiner hört. Ich krame nach Verbandszeug. Wo zum Teufel habe ich das hingepackt? Ich finde Desinfektionstücher und eine verpackte Atemmaske. Gut, das sollte auch steril genug sein. Ich packe das eingeschweißte Tuch aus, klappe es einmal auf und lege es auf die noch immer blutende Wunde. Die Maske falte ich einmal und presse sie darüber. Obendrauf wieder die Boina.

Ich ateme tief durch. Falle ich jetzt um? Ich bin stabil und versuche mit einer Hand am Kopf die Pferde zu managen. Das gelingt nicht gut. Daraufhin erkläre ich den beiden, dass sie jetzt einfach nur gut funktionieren müssen. Ich steige auf Söckchen und hänge die Zügel übers Sattelhorn. Eine Hand am Kopf und eine an Canelas Führstrick reiten wir weiter. "Söckchen, reite am Zaun lang, wir müssen jetzt eine Tranquera, ein Tor, finden. Mach bitte einfach." Söckchen, der seit unserem Abritt in Loncopue aus dem Schatten von Jefe getreten ist, entwickelt neue Fähigkeiten. Auch er wächst durch die neuen Herausforderungen in eine neue Größe hinein. Söckchen bringt uns sicher zum nächsten Tor.

Vor dort aus ist es nur noch ein Katzensprung zum Haus. Plötzlich bleibt Candela stehen. Ich hatte die beiden am Zaun angebunden, als ich zur Hangkante ging, um zum Haus zu rufen. Dort hatte ich ihren Gurt gelockert, weil ich nicht wusste, wie lange die Pferde angebunden stehen werden. Und - ich hatte vergessen, ihn wieder festzuziehen. Ein wenig durch den Wind war ich schon, da ich das Ausmaß der Wunde noch nicht beurteilen konnte. Im unpassendstren Moment passiert es: der Sattel mit vollem Gepäck rutscht beim Abstieg auf Canelas Bauch. Dilletantin, schimpfte ich mich innerlich. Doch zeitgleich bedankte ich mich bei Canela. Sie steht einfach da und wartet. Ich habe Tränen in den Augen: so tolle Pferde! Ich löse den Bauchgurt und der Sattel samt Gepäck plumpst auf den Boden. Und wieder wartet Canela geduldig, bis ich ihr den Weg frei räume. Dann kommt auch schon Hilfe. Ivan und Gustavo begutachten mein Missgeschick und entscheiden, dass Pferde, Gepäck und ich einen Platz auf den Campo bekommen. Das Gepäck laden wir an einer herrlichen Stelle unter Araukarien ab, die Pferde werden im Campo freigelassen und ich ins Badezimmer geschickt. Dort gibt es Wasser und einen Spiegel. Vorsichtig versuche ich meinen "Verband" abzupellen. Sofort schießt das Blut wieder und ich sehe das Ausmaß der Wunde. Ich erspare mir, etwas abwaschen zu wollen, drücke des Desinfektionstuch und die Maske wieder drauf und entscheide: das muss genäht werden. Ivan hat zum Glück seinen kleinen, roten FIAT auf dem Campo. Ich steige ein und wir holpern eine ganze Weile über die Campo-Piste. Etliche Tore müssen geöffent und wieder geschlossen werden, bevor wir auf der Ruta sind in Richtung Hospital Caviahue. Ich habe keinen Plan, wie es weiter geht, weiß aber, dass ich zurück zu den Pferden aufs Campo möchte. Das erkläre ich Ivan und er sagt, dass er vor dem Hospital auf mich warten wird. Vor Dankbarkeit schießen mir Tränen in die Augen. Ich habe kein Zeitgefühl, aber nach vielleicht einer Stunde sitze ich gut versorgt, die Wunde ist zugenäht und verklebt, wieder im Auto. Ivan telefoniert und fragt mich gleichzeitig aus. Ich zeige ihm das Foto mit der Naht. "Sinco Puntos" berichtet er seinem Telefonpartner. Auf dem Zettel vom Arzt lesen wir: Fädenziehen in 7-10 Tagen.

Also eine Woche Urlaub für unsere Reisefamilie an einem der schönsten Orte in Nordpatagonien, mitten unter den ehrwürdigen uralten Araukarien. Ich hätte mir keinen schöneren Platz für eine Urlaubswoche auswählen können.

Die Araukarie lehrt mich übers Loslassen - Altes darf heilen

Ferien und gutes Futter


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