99 Seiten aus ALMAs Pilgertagebuch
- Solveig Schmidt / Heldenreisen

- 18. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
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❧ Luzi hat gesungen - über die Kraft der Heldenreise mit Pferden
Aufwühlende Sommerwochen liegen hinter Alma. Zwei Heldenreisen, Gäste aus Argentinien in der alten Försterei, viele Begegnungen und kaum Zeit, das alles wirklich zu verdauen. Jetzt wird es ein wenig ruhiger. Ich merke, dass vor allem eine Begebenheit immer wieder wach wird in mir: Luzi hat gesungen.
Aber von vorn. Vor einiger Zeit meldete sich ein junger Mann bei mir mit den Worten:
"Ich brauche eine Heldenreise."
Soviel Klarheit ist selten. Es war noch viel Zeit bis zu unserem Treffen mit den Pferden. Doch mir war klar, dass seine Heldenreise in vollem Gange war. Wir kannten uns nicht. Doch schon nach wenigen Augenblicken war ich tief beeindruckt von seiner Geschichte und seiner Offenheit. Da saß ein Mensch vor mir mit so viel Kraft, Klarheit und etwas ganz Eigenem. Wie oft erleben wir unsere Einzigartigkeit als Last? Und sehen nicht das Geschenk dahinter. Das erlebe ich in meinen Begleitungen oft. Wir selbst nehmen unsere Zweifel wahr und das, was vermeintlich falsch an uns ist. Das Besondere und Einzigartige, was wir in uns tragen, wird übersehen oder gar als Last empfunden. Manchmal braucht es einen anderen Menschen, der es sieht - und einen Weg, auf dem man selbst beginnen kann, es zu entdecken.
Auf seiner Heldenreise kam auch Luzi zum Einsatz, meine Trommel. Sie trägt den Namen und die Kraft meines Seelenpferdes, das mich viele Jahre begleitet hat. Ihr Tod 2017 hat mein Leben grundlegend verändert. Rückblickend begann damit meine eigene große Heldenreise.
Ich trommelte also für den jungen Mann eine schamanische Reise. Was dabei geschieht, möchte ich gar nicht erklären. Ich erlebe einfach immer wieder, wie tief Menschen in diesen Reisen gehen und ihrer eigenen Seelenkraft begegnen können. Er kam mit sehr klaren Bildern zurück und war tief beeindruckt von dem, was ihm begegnet war. Ein Krafttier übrigens auch. Es berührt mich jedes Mal aufs Neue, welche Weite sich öffnen kann, wenn der Kopf für eine Weile leiser wird.
Ein paar Tage später packte ich Luzi wieder ein und fuhr nach Thüringen. Zum 30-jährigen Jubiläum der internationalen EAEHE (Horse Assistad Education) durfte ich den Präkonferenzworkshop auf dem Paddocktrail Schkölen gestalten. Neun Menschen aus fünf Nationen kamen zusammen, um die Heldenreise mit Pferden zu erleben. Es fühlte ich an wie eine Heldenreise auf Metaebene. So unterschiedliche Menschen, verschiedene Sprachen, Kulturen und Lebensgeschichten und doch kennen wir alle diese Momente im Leben, in denen etwas zu Ende geht und das Neue ruft. Wir bekommen Angst, eine Schwelle zu überschreiten und verändert zurückzukehren. Die Pferde begleiten uns über diese Schwellen.
Wieder kam Luzi zum Einsatz in einer schamanischen Reise. Ich trommelte. Ich kenne meine Trommel sehr gut. Ich kenne ihren Klang, ihre Kraft, die Schwingung unter meinen Händen. Ich habe schon viele Reisen mit ihr getrommelt. Aber so hatte ich sie noch nie gehört.
Luzi sang.
Es war wirklich eine Melodie, die uns alle mitnahm. Ihr Klang füllte den Raum und transportierte gleichzeitig so viel Kraft und so viel Liebe. Ich trommelte für die Menschen und merkte irgendwann, dass ich selbst von diesem Klang getragen wurde. Es war wunderschön. Und plötzlich war Luzi ganz nah. Meine Luzi. Mein verstorbenes Pferd.
Ich kann nicht erklären, was da geschehen ist und ich möchte es auch gar nicht. Ich weiß nur, wie es sich für mich angefühlt hat. Luzi war bei mir.
Vielleicht berührt mich das auch deshalb so sehr, weil ich gerade viel darüber nachdenke, was mich eigentlich trägt. Früher hat mich Luzi ganz wirklich getragen, auf ihrem Rücken, durch viele Jahre meines Lebens. Und nun stand ich in Thüringen, hielt eine Trommel mit ihrem Namen und Pferdehaut in den Händen und hatte das Gefühl, wieder von ihr getragen zu werden.
In den letzten Tagen ist mir bewusst geworden, wie wichtig dieses Getragensein für mich ist. Was mich trägt, sind meine Monate in den Anden, die Wildnis, die Gauchos, das einfache Leben und das Zusammensein mit meinen Pferden. Dort komme ich an eine Quelle, aus der ich lange schöpfen kann. Und Gott trägt mich. Vielleicht habe ich deshalb gerade diese Sehnsucht nach Stille, nach weniger Außen, weniger Facebook, weniger Telefon, weniger von all den Stimmen, die jeden Tag etwas von mir wollen. Ich möchte das pure Leben wieder deutlicher hören.
Und nun singt Luzi.
Vielleicht gibt es dafür keine Botschaft, die ich entschlüsseln muss. Vielleicht war es einfach einer dieser besonderen Augenblicke, die das Leben manchmal schenkt. Ich habe gelernt, nicht alles erklären zu müssen.
Ich nehme ihn mit und trage ihn dankbar im Herzen. Den Klang von Luzi - kraftvoll und liebevoll zugleich. Das Gefühl, für einen Moment getragen zu sein. Und diese tiefe Dankbarkeit dafür, dass manches, was wir verloren glaubten, auf eine andere Weise noch immer mit uns unterwegs ist.
Danke, Luzi. Danke, Leben.




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