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99 Seiten aus ALMAs Pilgertagebuch

4. Sept.
5 Min. Lesezeit

Seite 3 / 99

❧ Am Ende meiner neunjährigen Reise erkenne ich meinen Begleiter


Manchmal braucht es Jahre, bis wir verstehen, wann ein Weg wirklich begonnen hat. Wir gehen längst auf ihm, erleben Abschiede und Begegnungen, treffen Entscheidungen, verlieren etwas und finden etwas anderes. Wir halten es für einzelne Geschichten unseres Lebens. Erst sehr viel später, in der Rückschau, erkennen wir eine Spur, die alles verbindet. Vielleicht sogar einen Kreis, der sich schließt. Bei mir führt diese Spur zurück zum 9. August 2017. Dem Tag, an dem Luzi starb.


Mit Luzis Tod ging etwas zu Ende, das für mich sehr viel größer war als die gemeinsame Zeit mit einem Pferd. Sie füllte einen Raum in meinem Leben, den ich damals wahrscheinlich selbst noch nicht ganz verstanden hatte. Als sie starb, blieb dieser Raum zurück - leer und schmerzhaft. Ich hatte keine Vorstellung, wie und womit ich diese Leere füllen konnte - und ob mir das je überhaupt gelingen würde. Ich wusste nur, dass mein Leben nach diesem Tag ein anderes war.


Der geplante „Ritt in die Freiheit“ wurde ein einsames Laufen auf meinen eigenen Füßen. Ich musste raus, musste gehen, musste irgendwo hin mit diesem Schmerz, für den es keinen Ort gab. Ich packte meinen Rucksack und lief einfach los.

Der Weg überraschte mich mit wundersamen Begegnungen – und später sagte ich es so: Ich bin Gott begegnet. Natürlich kann ich das nicht beweisen. Doch was ich damals in meiner tiefsten Verzweiflung, mitten in einem Verlust, den ich nicht begreifen konnte, erlebt habe, hat mich grundlegend verändert. Damals reifte die unerschütterliche Gewissheit in mir: Ich bin nie allein.

Von Anfang an war Luzi bei mir und eine Stimme, die mir den Weg wies. Ich vertraute und folgte dem Ruf, dessen Ziel ich nicht kannte. Schritt für Schritt. Wege führten mich zuerst durch Wälder, durch die Anden und schließlich durch neun Jahre Leben.


Vor drei Jahren begriff ich, dass mein Unterwegssein längst Pilgern geworden war – und keine Flucht vor irgendwas. So wurde ich zur Pilgerin durchs Leben. Und mein Wanderreiten wurde Pilgerreiten.


Die Heldenreise mit den Pferden begegnete mir sehr zeitig. Mit ihr entdeckte ich eine innere Kraft - und begegnete gleichzeitig meiner Verletzbarkeit, meinem Urschmerz und Ängsten. Ich wurde mit alten Geschichten konfrontiert. Dabei wurden die Pferde zu Lehrern. Sie unterrichteten mich in einer Sprache ohne Worte. Ignorierten meine Erklärungen und alles, was mein Verstand konstruierte. Sie reagierten einzig auf das, was wirklich da war.


Und das war meine große Frage: Wer war ich ohne Luzi, ohne das Leben, das ich gelebt hatte? Schicht um Schicht streifte ich es ab. Ich fand die Frau, die darunter verborgen war.


Auch auf meinen Reisen in der unermesslichen Weite der Anden war mir immer bewusst: Ich bin behütet. Die Apus der Berge, der Wind, die Pferde – alles war mit mir. Ich war in tiefem Vertrauen unterwegs und lies mich mehr und mehr führen. Denn planen konnte ich wenig – und kontrollieren noch weniger. Hinter dem nächsten Pass konnte alles anders sein: das Wetter, der Weg, eine Begegnung, meine eigene Kraft und das, was die Pferde sagten. Immer wieder musste ich entscheiden: Gehe ich weiter? Bleibe ich? Kehre ich um? Vertraue ich?

Heute finde ich dafür einen Satz: Vertrauen entsteht beim Gehen.


Lange habe ich meine spirituellen Erfahrungen vor allem draußen in der Natur gemacht. Im Wald, mit den Pferden, unter dem gewaltigen Himmel der Anden und in der Stille. Kirche war nie der Ort, an dem ich Gott gesucht habe. Er war für mich da, außerhalb von Gebäuden. Auf meinen Wegen. In Begegnungen. In Augenblicken, in denen sich plötzlich etwas fügte. In der Schönheit und manchmal mitten im Schmerz.

Mein Weg führte mich zum Pilgern, zum Beten mit den Füßen. Das Gehen, die Natur, die Stille, meine Arbeit mit Menschen und die Heldenreise begannen sich miteinander zu verweben.


In diesem besonderen Sommer verbrachte Schwester Heloise, eine junge Ordensschwester, ihre Sommerexerzitien in meiner alten Försterei. Durch sie bekam Gott für mich eine neue Dimension - eine alltäglich. Auch im Pilgern fühlte ich eine weitere Tiefe. Da war plötzlich diese uralte Verbindung von Weg und Glauben, von Aufbruch und Segen. Menschen brechen seit Jahrhunderten auf, um sich Gott zu nähern, Antworten zu suchen, etwas zurückzulassen oder einfach still genug zu werden, damit sie sich selbst wieder hören können.


Während der letzten Jahre sprach auch ALMA immer deutlicher mit mir. ALMA ist mehr als meine Romanfigur. Der Name ist ja nicht zufällig – Alma heißt im Spanischen Seele. Sie ist eine Bewegung in mir. Diejenige, die den Ruf hört und aufbricht. Die Freiheit sucht, zweifelt und trotzdem weitergeht. Die fällt, wieder aufsteht, sich verirrt und eine neue Richtung findet. Die irgendwann begreift, dass sie den Weg nicht kennen muss. Denn sie wird geführt.


Und dann ist da Orion. Das Sternbild begleitet mich seit langer Zeit als Beschützer. Ein Blick nach oben und ich fühle Urvertrauen und weiß mich behütet. Auch auf der Südhalbkugel ist das so. In den letzten Tagen habe ich mich intensiver mit dem Sternbild befasst, um herauszufinden, was mich so anzieht. Einer seiner hellsten Sterne ist Rigel. Der Name verweist auf den Fuß des Orion - den Fuß ausgerechnet. Der Teil, der den Boden berührt, mit dem wir gehen. Ich mache daraus keine kosmische Erklärung - dazu kenne ich mich zu wenig aus. Vielleicht reicht es, dass manche Bilder uns finden, wenn wir bereit sind, sie zu verstehen. Der Fuß des Orion am Himmel und meine Füße auf der Erde. Dazwischen liegen neun Jahre meines Lebens.


Am letzten Freitag stand die Vollmondin am Himmel mit einer Finsternis. Ich habe die Tage um dieses Ereignis als sehr besonders erlebt - als Schwelle. Etwas ist zu Ende gegangen. Oder besser gesagt: vollendet. Denn am Sonntag wurde ich als Pilgerbegleiterin eingesegnet.

Während der Zeremonie liefen mir Tränen der Berührung. Ich hätte sie nicht aufhalten können und wollte es auch nicht. Da stand ich nach all diesen Jahren, nach all den Wegen, nach allem Suchen, Zweifeln und Aufbrechen - und empfing einen Segen.

Danach wagte ich, am Abendmahl teilzunehmen. Auch das hat mich zutiefst bewegt, weil ich es bewusst tat. Jahrzehnte, seit meiner Jugend, blieb ich dieser heiligen Handlung fern.

Brot und Wein. Ich kann kaum beschreiben, was dieser Moment mit mir gemacht hat. Plötzlich wurde mir etwas bewusst, das ich gerade eine Initiation erfuhr.


Mein erster Gedanke war: Ich komme zurück zu Gott.


Doch eigentlich stimmt das nicht. Denn er war nie fort. Jene erste verzweifelte Wanderung nach Luzis Tod, die ich seit Jahren meine Gottesbegegnung nenne, erzählt mir das längst. Er war auf meinen Wegen, in den Wäldern, bei den Pferden, in den Anden, in meiner Einsamkeit, meinen Fragen und meiner Freiheit. Ich habe es all diese Jahre nur nicht bewusst als einen Weg mit Gott verstanden.


Und genau das verändert sich jetzt.


Ich gehe nicht zurück zu einer Form von Glauben, die einmal zu meinem Leben gehörte. Ich gehe auch nicht zurück zu der jungen Frau, die vor Jahrzehnten am Abendmahl teilgenommen hat. Ich gehe als die Frau, die ich heute bin. Mit Luzi in meiner Geschichte, meinen Pferden, den Anden und den Gauchos in meinem Herzen, mit ALMA, meinen Fragen und Zweifeln und meiner Freiheit.

Ab jetzt gehe ich bewusst mit Gott.


Vielleicht ist genau das der neue Ruf für die nächste Heldenreise: Mein bewusster Weg mit Gott.








 
 
 

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