Vom Älterwerden und ankommen bei sich selbst
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❧ 99 Seiten aus ALMAs Pilgertagebuch
Als ich 40 wurde, dachte ich: Jetzt bin ich alt. Die Jahre danach antwortete ich auf die Frage, wie alt ich sei, immer mit 40a, 40b usw. Die 50 dagegen nahm ich locker – ein halbes Jahrhundert. Und schließlich habe ich ja in meinen Fünfzigern mein Leben auf den Kopf gestellt.
Im letzten Jahr hat es mich umgehauen. Da stand tatsächlich eine 6 an erster Stelle. Ich konnte nicht glauben, dass sie irgendetwas mit mir zu tun haben sollte. Wie konnte das passieren? Ich und 60? Nichts in mir fühlte sich so (alt) an.
Wie fühlt man sich denn mit sechzig?
Ehrlich gesagt: ich habe keine Ahnung. Ich hatte eine Vorstellung von 57 – in diesem Alter verstarb meine geliebte Omi. Sie war für mich alt. Damals, als ich Kind war.
Also hast du eine Vorstellung, wie man mit 60 zu sein hat?
Ich habe das Gefühl, dass ich in dieser Vorstellung einfach nicht vorkomme. Ich ahbe weder Rücken noch Knie...
Und überhaupt: Ich bin doch ganz anders. Mit meinem zotteligen Haar und meiner Sehnsucht nach den Bergen. Mit tausend Ideen, die mein Kopf im Minutentakt ausspuckt. Alles, was noch gelebt werden will. (Manche nennen das AHDS).
Mit dieser Freude, wenn ich mein Pferd sattele und vor mir ein Weg in die Anden liegt.
Und dann diese Zahl. Es hat eine Weile gebraucht, bis beides für mich zusammengehören durfte. Jetzt ist es gut. Jetzt ist es soweit: 60a. Und ja, es ist wirklich gut.
Ich mag die Frau, die ich geworden bin. Und mein Leben.
Wenn ich mich umschaue, was ich ja nicht so oft tue, scheint Älterwerden etwas zu sein, das bekämpft werden muss. Mit Cremes zum Beispiel, die so teuer sind, dass ich einen ganzen Monat davon leben kann. Was ist so falsch daran, dass die Jahre sichtbar werden? Dass Falten von jedem gelebten Abenteuer erzählen und die Narben Erinnerungen eingraviert haben.
Meine grauen Haare haben mir schon vor 10 Jahren den RatSchlag eingebracht: Mit Farbe könne ich um 10 Jahre jünger wirken. Vielleicht ist das so. Aber – warum? Ich trage mein Grau mit Freude und Würde, weil ich es mag. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich aufhörte, die Natur auf meinem Kopf bekämpfen zu wollen. Das war 2012. Meine Stute Melody starb auf einem Wanderritt. Kurz darauf mein Papa. Da habe ich begriffen, dass es Wichtigeres gibt als eine geschmückte Fassade - nämlich echt zu sein. Ich schaue morgens in den Spiegel und darf sein. Mit allem, was das Leben in mich hineingeschrieben hat. Meine Familie sagt manchmal:
„Du lebst in deiner eigenen Welt.“
Ja, ich habe sie mir geschaffen. Ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Ich mache mir meine Welt so, dass ich darin leben möchte. Nicht montags auf freitags warte und mich von Urlaub zu Urlaub schleppe. Eine Welt, in der ich der Natur nah sein kann. In der Pferde ihren Platz haben und meine Bücher. In der ich mir Stille zugestehe. Als Kind habe ich keine Folge von „Ein Mann in den Bergen“ verpasst. Ich saß vor dem Fernseher und wollte hinein in dieses Leben. In die Berge. Zu den Tieren. In diese Freiheit.
Heute lebe ich jeden Andensommer meinen Kindheitstraum.
Ich bin in die Welt der Gauchos hineingewachsen. Habe mich auf das einfache Leben in den Bergen eingelassen. Habe geliebt und mich berühren lassen. Habe Freude gefunden und Schmerzen ausgehalten. Auf beiden Kontinenten habe ich mein Herz weit geöffnet. Dabei ist viel hineingekommen. Wenn heute alle vom Manifestieren sprechen, denke ich: Ja. Ich habe dafür meinen eigenen Weg gefunden. Für mich wirkt er. Ich sehe es an meinem Leben.
Wie genau aus der Sehnsucht eines Kindes irgendwann ein gelebtes Leben wird, lässt sich für mich kaum in eine schnelle Anleitung fassen. Dazwischen liegen Entscheidungen. Aufbrüche. Zweifel. Schritte, die ich gegangen bin, obwohl ich ihren Ausgang nicht kannte.
Dazwischen liegt mein Pilgerweg durch Leben und meine Heldenreise.
Neun Jahre schaue ich inzwischen zurück auf dieses bewusste Unterwegssein mit mir selbst.
Pilgern hat mir einst das Leben gerettet. Und der Wald.
Dort konnte ich sein mit dem, was in mir war. Mit meiner Trauer. Meinen Fragen. Mit all dem, für das ich keine Worte hatte. Ich ging. Der Wald war da.
Vielleicht liebe ich das Gehen deshalb bis heute so sehr. Weil ich erfahren habe, dass ein nächster Schritt möglich ist, auch wenn ich den weiteren Weg noch nicht sehe.
Unterwegs habe ich meinen eigenen Weg zu Gott gefunden. Er gehört inzwischen (wieder) zu meinem Leben. In meine Fragen hinein. In meine Dankbarkeit. In die Stille. Auch das durfte wachsen.
Und während ich älter wurde, habe ich gelernt, mich selbst besser zu hüten. Meine Grenzen zum Beispiel. Heute kann ich Nein sagen. Ich kann spüren, was mir guttut, und danach handeln. Die Meinungen anderer erreichen mich noch. Aber sie bestimmen meinen Weg immer weniger. Ich muss längst nicht mehr überall dazugehören. Ich habe einen Platz in meinem eigenen Leben gefunden.
Vielleicht ist das etwas, das man einer Frau mit grauem Haar ruhig öfter erzählen sollte: wie schön es sein kann, bei sich anzukommen.
Wie viel Kraft frei wird, wenn man sich das eigene Leben erlaubt. Wenn ich auf meinen Namen schaue, finde ich darin zwei Bedeutungen, die mich begleiten: Hüterin des Hauses und Weg zur Sonne. Ich empfinde sie als meinen Ruf. Ich hüte eine alte Försterei – meinen Ort. Das, was mir anvertraut wurde. Und ich gehe hinaus. Folge meiner Sehnsucht. Immer der Sonne entgegen. Beides gehört zu mir.
Und jetzt, mit einundsechzig, kann ich sagen: Ich habe bis hierhin ein erfülltes Leben gelebt. Wenn ich das schreibe, werde ich still.
So viel Leben.
So viele Wege. Menschen. Pferde. Liebe.
Und Abschiede.
Ich habe mich tief eingelassen. Und ich bin noch immer neugierig wie ein Kind vor Weihnachten.
Was kommt da noch?
Wen werde ich lieben?
Was werde ich schreiben?
Worüber werde ich staunen?
Ich möchte mich weiter berühren lassen.
Mit grauem Haar und offenen Sinnen. Mit meinem Glauben und meiner Neugier.
Ich vertraue meinem Weg -

und der Führung von oben.




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