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12 Pferdehufe beschlagen

Mit Dario haben wir uns für 10:30 Uhr verabredet. Er fährt uns zu Ramon´s Puesto. Dort lebten unsere Pferde die letzten 1,5 Jahre. Unser Plan: Wir verbringen eine Nacht dort und reiten zurück. Weil sich gegen 11 Uhr noch immer nichts rührt, fragen wir vorsichtig nach. Wir wollen mit unserer Ungeduld keinen Unmut stiften. Doch irgendwie waren wir auf der Prioritätenliste nach hinten gerutscht. Ein neuer Abfahrtstermin wird festgelegt: 13 Uhr. Pünktlich steigen wir in den Pickup. Unterwegs zeigt uns Dario Fotos mit einer Gruppe von Pferden, die er am Puesto vor einigen Wochen aufgenommen hat. Zu unserer Verwunderung sind es unsere drei. Nach so langer Zeit in einer größeren Herde haben sie noch einen Zusammenhalt – oder ist es Zufall? Als wir ankommen, ist Ramon ist unterwegs. Wir schauen uns um. Unsere drei stehen mit dem Lieblingspferd des Gauchos und zwei anderen im Corral.

 Mit drei Paketen der alten Hufeisen laufen wir zu den Pferden. Roland schaut anhand der alten Eisen, wie sich die Hufe verändert. Ich notiere die Abweichungen möglichst genau auf einen Zettel. Rolands Tagesaufgabe wird sein, die neuen Eisen passend zu formen. Erst am Nachmittag kommt Ramon zurück. Absteigen und Absatteln sind fast eins. "Quieres Mate?", na sicher wollen wir Mate trinken. Wir laufen zum Haus und treten ein. Sofort stehen wir in der großen Küche, die die Giebelseite des Holzhauses einnimmt. Sie ist hell und hat zwei große Fenster mit Atem beraubender Aussicht. In der Ecke steht der eiserne Ofen, den Ramon anheizt, um ein Abendessen zu bereiten. Jabali -Wildschwein hat er für uns aus dem Frost geholt. Die Küche unterscheidet sich von der eines einfachen Puestos. Es ist wesentlich komfortabler. Seit 16 Jahren lebt Ramon hier als Postero und Gaucho, der sich um die Pferde der Estancia kümmert. Früher war er Jockey, zahlreiche Fotos an der Wand und Pokale erinnern an seine Erfolge. Ein Foto holt er für uns an den Tisch. Tina, ein kleines Mädchen mit seinen blauen Augen lacht uns an. Ramon ist sehr stolz und fragt nach, ob wir die blauen Augen auch bemerkt haben. Es ist besonders – die meisten Einheimischen mit indigener Abstammung haben tiefschwarze Augen. Seine Senora, Diana, und die Zweieinhalbjährige sind zur Zeit in Bariloche, wo die Mutter arbeitet und kommen erst morgen zurück, so dass wir beide leider nicht treffen werden. Wir müssen uns an die Arbeit machen – 12 Pferdehufe wollen beschlagen werden. Es ist Rolands Arbeit. Meine Hufortopäden- und seine Hufbeschlagstheorie passen nicht zusammen. Dennoch gelingt uns Teamwork. Nach einigen Probebohrungen in die Eisen und entsprechend strenger Begutachtung überlässt Roland mir den Job des Bohrens.

Jedes Eisen bekommt 7 Löcher, in die dann Videastifte geschlagen werden. Diese kleine Maßnahme verlängert die Haltbarkeit der Eisen enorm. Nach dem 10. Loch habe ich den Dreh raus, Geschwindigkeit und Druck auf den Bohrer so anzupassen, dass der Bohrer nicht bricht, durch zu schnelles Drehen nicht stumpf wird und dennoch ein Loch im Eisen ist. Ich produziere lauter kleine metallene gedrehte Würstchen. Ein anstrengender Job. Aber nichts im Vergleich zum Beschlagen. Abends nach 9 hören wir auf und gehen Wildschwein essen. Vier Hufe von Söckchen, mit den beiden komplizierten Vorderhufen, bleiben für den nächsten Morgen übrig. Es wird ein langer Abend mit Ramon und spannenden Erzählungen aus dem Gaucholeben. Wir schlafen im Galpon, wo der Gauchogehilfe, ein junge Mann, sonst lebt. Weil Freitag ist, ritt er am späten Nachmittag nach Hause und wir können seine Schlafstätte beziehen. Der Galpon besteht aus sechs Boxen, drei auf jeder Seite. In der ersten links ist Heu und Hafer untergebracht. An der Wand hängen Talgdrüsen zum Fetten des Leders. Die mittleren Boxen auf beiden Seiten werden offenbar als Stall genutzt. Die letzte links ist unser Nachtquartier. Zwei Betten mit Matratzen. Zum Glück habe ich meinen Schlafsack. Im gegenüberliegenden Abteil ist die „Küche“: Tisch, zwei umgedrehte Eimer als Stühle, ein Brett auf dem ein zweiflammiger Herd mit einem Topf und dem Essen vom Vortag steht, und ein Brett als Regal mit Hierba, Zucker, Mehl, Marmelade, einer Tasse, Mate mit Bombilla und Besteck. Bevor ich einschlafen kann, geht mir der vorangegangene Tag und unsere kurze Zeit hier auf dem Puesto durch den Kopf.

.. Das Abendgespräch kam auch auf Jefes fehlende Ohrspitze. Ramon will wissen, was passiert ist. Nun, das wollten wir ja von ihm erfahren. Es muss wohl in den Wochen vom Freilassen der Pferde nach unserem Ritt bis zum Umzug ins Winterquartier zu Ramon passiert sein. Das Rätsel wird leider nicht aufgelöst.

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