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Ein loses Hufeisen nimmt uns eine Entscheidung ab

Wir reiten im Nieselregen den Weg am rechten Turbio-Ufer durch die üppige Vegetation des temperaten Regenwaldes. Ich bin immer wieder fasziniert von der Fülle der Vegetation und dem Farbenspiel der Grüntöne. Ein ungewöhnlicher, nicht häufig vorkommender Baum fällt mir besonders auf. Die Blätter ähneln der bei uns bekannten Stechpalme, nur ganz, ganz klein und viele Blätter aneinandergereiht. Das I-Tüpfelchen bildet eine rote mehrteilige Blüte, die ähnlich einer Rispe herunterhängt. Ich pflücke ein Ästlein mit Blatt und Blüte ab, um es in der Vorderpacktasche verschwinden zu lassen. Bald sind wir bei Mario, dem Guarda Parque am Turbio. Er kann mir bestimmt den Namen nennen. Am Strand des Lago Puelo ist es ruhig. Selbst die Heerscharen von Mücken haben sich bei dem Regenwetter verkrochen. Auf einmal kommen uns drei Reiter voll bepackten Pferden und einem Packpferd entgegen. Ich erkenne sie nicht gleich: Die Schweizer auf dem Weg zum Turbio. Wir erzählen die Kurzfassung von unseren Erlebnissen der letzten Tage, von der Suche nach dem Durchbruch zum Lago Cholila, dem Zauberwald, den Mallines und unserer Begegnung mit den Vigero-Gauchos. Die Vagamundos sind unterwegs, um für ihre Cabalgatas die Weg freizuschneiden. Klar, sie haben eine Motorsäge dabei. Das Tool, was Roland für den Durchbruch nach Cholila fehlte. Jeden Moment denke ich, er kehrt mit ihnen um, um doch noch einen Weg zu finden. Es bleibt beim Bedauern, dass sich unsere Wege erst hier kreuzen. Gemeinsam hätten wir einen Weg schaffen können. Tamisietta drängelt beim Anblick des Himmels zum Weiterritt. Das dunkle Grau sieht nach richtig viel Regen aus. Aber das kann sich in Minuten auch wieder auflösen. Wir verabschieden uns, denn auch wir haben noch einige Stunden Ritt vor uns, bis wieder mögliche Übernachtungsplätze kommen. Mario hat wenig Zeit für uns. Er bekommt Verstärkung: Drei junge Männer ziehen im Haus ein und das nötige Equipment wird mit dem Quad vom Bootssteg zum Haus gefahren: Matratzen, Rucksäcke, Angelbedarf. Es bleibt kurz Zeit für meine Frage: Was ist das für ein Baum? Mario betrachtet den Zweig kurz, fragt nach dem Standort und meint: „Tineo, pero no seguro.“ Bevor ich´s vergessen kann, notiere ich den Namen in den Notizblock des Telefons. Ich habe das Handy angestellt, denn hier gibt Signal.. Ich nutze die Fresspause der Pferde für zwei kurze Telefonate nach Hause. Seit einigen Tage mache ich mir Sorgen um Luzi, meine Stute zu Hause. Irina, die sie während meiner Abwesenheit „adoptiert“ hat, hatte in einer Mail berichtet, dass sie ein Hufgeschür und mächtige Probleme hat, dass der Tierarzt aber alles im Griff hat. Seitdem habe ich keine Information mehr erhalten können. Die wildesten Fantasien sind mir durch den Kopf gerast... Nur endlich der Anruf: Mit ihrer ruhigen Art bringt Irina meinen Puls sofort auf Normalfrequenz: „Keine Panik, alles in Griff.“ Sie berichtet von der Behandlung und den Erlebnissen, die sie mit Luzi hat. Wie schön zu hören. Ich bin zufrieden. Auch der Anruf zu Hause beruhigt mich: todo bien. Nun aber los. Der weitere Weg entlang des Lago Puelo zieht sich länger, als wir in Erinnerung haben. Unterwegs begegnet uns ein alter, mit seinem weißen Haar unter der Boina und dem hellen Poncho aus Schafwolle, fast schon edel wirkender Gaucho mit einem voll beladenem Packpferd. Wir tauschen uns kurz aus. Er lebt noch weiter flussaufwärts am Turbio. Von der Estancia der Vigeros sind es nochmal neun Reitstunden bis zu ihm – Gaucho Reitstunden, wohlgemerkt. Er war in El Hoio einkaufen. Wie lange wird er wohl unterwegs sein, fragen wir uns? Einen Tag bis Vigeros, einen weiteren bis El Desemboque, einen nach El Hojo zum Einkaufen, vielleicht noch Freunde und Verwandte besuchen und zurück. Da vergeht schon mal eine Woche. Ist das nicht unvorstellbar für uns? Wir sind uns einig, wenn wir noch einmal in diese Gegend kommen, besuchen wir diesen alten Gaucho in seiner Abgeschiedenheit. Es ist schon spät, als wir das Ufer El Desemboque sehen. Roland schlägt vor, gleich zur Laguna abzubiegen, um dort die Nacht zu verbringen. Dagegen spricht, dass die Futtersituation dort ungewiss ist. Wächst nicht ausreichend Grün, müssten wir zur anderen Seite, zum Lago Epuyen, absteigen und dafür wird die Zeit knapp, um im Hellen anzukommen. Noch während wir die Möglichkeiten abwägen, sehe ich, dass sich das hintere, linke Hufeisen bei Jefe löst. Die Entscheidung ist gefallen. Anhalten, Beschlagszeug auspacken, Eisen abnehmen. Zum Glück ist das Eisen noch nicht verbogen und Roland kann es nahezu unversehrt wieder aufnageln. Wir kommen in Desemboque an. Roland möchte am alten Übernachtungsplatz unser Lager beziehen. Ich nicht. Schließlich wurden wir dort mit dem Hinweis „todo privado“ zum Gehen aufgefordert. Mein Favorit ist der Platz am Kiosko Desemboque bei der netten Familie Vigero. Das sind aber noch mindestens fünf weitere Kilometer auf der staubigen Piste, eine Stunde für unsere Karawane. Nur sehr widerwillig und übellaunig lässt sich Roland darauf ein. Beim herzlichen Empfang durch die Familie, dem Anblick der guten Wiese, die unsere Pferde bekommen und dem ersten Quilmes, einem leckeren argentinischen Bier, ist alles gut und die Zufriedenheit auf allen Seiten wieder hergestellt. Es ist gegen 20 Uhr und wir haben riesigen Hunger. Wir sind zur Parilla eingeladen. Das Feuer wird angezündet und dicke Holzbalken nachgelegt, um ausreichend Holzkohle für das langsame Garen des Fleisches zu produzieren. „Una ahora“, wird angekündigt, sei das Essen fertig. „Also mindestens zwei“, meint Roland. Bei argentinischen Zeitangaben fahren wir mit Faktor zwei immer ganz gut... Aufgetischt wurde gegen 24 Uhr. Die Zeit dazwischen wird mit torta fritas, noch einigen Quilmes und Gesprächen gefüllt. Irgendwann kommt ein sehr feiner, alter Gaucho dazu: Juan Vigero. Das also ist der legendäre Juan. Auf der Estancia am Turbio haben wir seinen Sohn kennengelernt, in der Annahme, er sei es. Wir lernen ihn als ein akzeptiertes, angesehenes Familienoberhaupt kennen. Es ist eine sehr angenehme Runde, die sich erst sehr spät in der Nacht mit “ Buenas noches“ auflöst.

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