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Bevor wir den beschwerlichen Pfad von gestern Abend wieder einschlagen, um einen möglichen Weg zu finden, reiten wir zum Turbio-Ufer, um nach dem Wasserstand zu schauen. Gegenüber dem Vorabend ist er um geschätzte 30 cm gefallen. Vielleicht haben wir heute Morgen mehr Glück und der Weg zur Estancia ist nicht überflutet. Wir nähern uns dem Ufer und ich sehe schon von weitem ein Pferd, dann noch eins und vier Gauchos. Wie für uns bestellt, denke ich. Roland erklärt, wer wir sind, wohin wir wollen und erzählt von unserem gescheiterten Versuch am Vorabend. Unsere Spuren haben die Gauchos längst entdeckt, und sich Gedanken darüber gemacht. Sie waren nämlich auf der Suche nach zwei verschwundenen Pferden. Erleichtert atmen sie auf, als klar wurde, dass die Spuren nicht zu Viehdieben gehören... Jetzt werden mir auch die skeptischen Blicke der Männer klar. Gemeinsam reiten wir zur Estancia – durch den Fluss. Trotz gefallenem Wasserstand ist die Estancia nur durchs Wasser erreichbar. Mich erleichtert die Gesellschaft der Gauchos und ich freue mich auf das Abenteuer der Turbioquerung. Bis zum Haus werden noch weitere Pferde eingesammelt und zu den dort schon vorhandenen getrieben. Wir werden ins Haus gebeten. In dem geräumigen Zimmer im Untergeschoss befinden sich ein Gasherd in Türnähe, und ein Ofen in der gegenüberliegenden Ecke, der sofort angeheizt wird. Rundum steht ein Sofa, eine Bank und Stühle. Wir nehmen Platz und Wasser für den Mate wird aufgesetzt. Der Mate, das kleine Gefäß aus einem ausgehöhlten Kürbis, gefüllt mit Yerba, dem Kraut macht die Runde und jeder zieht an der Bombilla, einem Metallröhrchen, den kräftig schmeckenden Aufguss ein. Jetzt wird in Ruhe erzählt. Wir erfahren, dass die Pferde heute hoch in die Berge getrieben werden, wo gutes Futter wächst. …. und wir können mitkommen! Mein Herz hüpft. Die Flussüberquerung wird nun doch zum großen Erlebnis ohne Angst. Die Anwesenheit der Gauchos, die den Fluss wie kein anderer kennen, gibt mir Vertrauen. Während des Essens, es gibt dicken Reis mit Cordero – hm, wie köstlich so ein warmes Essen ist. Als klar war, dass wir mit essen, wurde der kleine Topf auf dem Gasherd durch einen großen ausgetauscht und mehr Reis gekocht. Alle wurden satt, auch ich. Wie herrlich, wenn das Essen nicht limitiert ist.

Vor dem Aufbruch frage ich noch nach Mehl und Fett. Natürlich, kein Problem. Aus dem Mehlsack, der neben dem Schrank steht, füllt der Gaucho eine Plastiktüte voll ab und drückt mir eine weitere Tüte mit Fett in die Hand. Mehl, Reis und Fett sind auch hier in ausreichender Menge vorhanden. Alles, was hier nicht wächst, muss aufwändig herangefahren werden. Ich frage, wie die Schränke, der Gasherd und alle anderen Dinge hierher gebracht werden. Wir kennen nur die Pferdetracks. Erstaunlich, alles was hier steht, wurde mit Ochsenkarren gebracht, wenn der Wasserstand des Turbio es zulässt. Unglaublich. Ich stelle mir den Transport der Couch auf dem Karren durch den Fluss vor... Man überlegt gut, was nötig ist. Wir erfahren, das weiter oben im Tal noch einer lebt. Von hier neun Stunden mit dem Pferd. Neun Gauchostunden – das sind für unser Tempo nochmal vier Stunden länger. Für einen Einkauf von dort muss der Gaucho schon mal eine Woche einplanen. Drei Tage bis zum Pueblo, ein Tag einkaufen, Familie besuchen und drei Tage mit Packpferd zurück. Es muss wunderschön und fruchtbar dort oben im Tal sein, sonst würde sich dieser Aufwand nicht lohnen. Es geht gleich los, ertönt ein Ruf. Wir satteln in Windeseile. Die Gauchos holen noch restliche Pferde und los geht’s. Die Gruppe besteht aus 15 Pferden, die auf zwei Weidegründe aufgeteilt werden. Die Pferde sind unruhig. Sie spüren, dass etwas in der Luft liegt. Auch Söckchen. Ich erkenne mein Pferd nicht wieder: Söckchen im Arbeitsmodus. Der Hals ist aufgerichtet, die Ohren auf die Pferdegruppe gerichtet, seine Augen sind wach und weichen nicht von den Pferden. Ich steige auf und habe das Gefühl auf einer Spannfeder zu sitzen, die jeden Moment losschnipst – wow, ich lerne ein neues Söckchen kennen. Das Tor wird geöffnet und die und die Pferde drängen nach draußen. Nur mit Mühe halte ich Söckchen zurück. Wir bilden mit einem der Gauchos den Abschluss der Treiber. Gleich hinter den Tor versuchen einige der Pferde in der gewohnten Umgebung zu bleiben und biegen in die falsche Richtung ab. Zwei Gauchos holen sie mit lautem Hej, hej zurück. Der Trupp ist vollständig auf den Weg gebracht. Sie durch das dichte Gebüsch mit nur einem Pfad zu treiben ist einfach. Es geht zügig voran. Ebenso zügig trabt Söckchen hinterher, immer noch gespannt und eifrig. Wir passieren ein großes Holztor, eine tranquera. Sie schafft die Verbindung zwischen den durch Zäune abgegrenzten Ländereien. Der erste Gaucho hat das Tor geöffnet. Wir passieren und durch den Wind kommt der Torflügel mit den dicken Balken auf uns zu. Gleich wird er an Söckchens Kopf knallen. Reflexartig strecke ich die linke Hand entgegen. Rums! Ich hätte schreien können. Was für ein Schmerz und was für eine blöde Idee, dieses Riesending in Bewegung mit der Hand halten zu wollen. Aber schon sind wir einige Meter weiter. Das Tal wird weiter, Büsche werden weniger. Gleich donnert er los, denke ich und fürchte, das ich Söckchen nur mit dem Knotenhalfter nicht halten kann. Doch es klappt super. Er reagiert auf die leiseste Zügelbewegung und ist unheimlich eifrig. Ich entspanne und beginne das Treiben zu genießen. Meine verunglückte Hand halte ich nach oben, so hämmert der Schmerz weniger. Es bleibt keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Ein Teil der Pferde versucht an uns vorbei durchzubrechen. Wir drehen schnell und stellen uns in den Weg. Eins entwischt doch und wird zurückgelassen. Weiter geht’s. Dann sammeln sich alle am Fluss, dem Turbio. Ohne viel Aufsehen watet eine Gruppe von zehn Pferden in den Fluss und folgt dem anführenden Gaucho durch das Bauch tiefe Wasser. Nur zwei Pferde, die von der Strömung abgetrieben werden, müssen schwimmen. Ich bin sehr erleichtert, dass wir den Fluss gemeinsam mit den Vigero-Gauchos queren. Tage zuvor schon verspürte ich wachsenden Respekt. Die Leute hier sprechen von einem gefährlichen Fluss, dessen Tücke man kennen muss. Besonders die Treibsandbereiche seien gefährlich, weil man einbrechen kann. Das haben wir am Rio Traful im vergangenen Jahr selbst erlebt. Trueno brach plötzlich ein und war bauchtief im Sand verschwunden. Zum Glück war kein Wasser im Fluss und Trueno konnte sich selbst befreien. Doch mit starker Strömung kann ich mir gut vorstellen, in eine sehr ungemütlich Lage zu kommen... Wir folgen in einer zweiten Gruppe einem anderen Gaucho. Ich habe so viel Vertrauen zu meinem Söckchen, dass ich mit angezogenen Beinen die Überquerung filme. Was für eine Strömung. Söckchen und auch Trueno unter Roland und Jefe als Packpferd laufen durch die Fluten, als hätten sie nie etwas anderes getan. Es ist so beeindruckend, was Pferde alles können. Am gegenüberliegenden Ufer geht es hurtig über den Flussschotter weiter. Viel , viel schneller als mit unserem übliches Reisetempo kommen wir voran und den schmalen Pfad den Berg hinauf. Wie geschickt mein kleines Söckchen auch in diesem Tempo jede Klippe nimmt. Wie sicher er über Steine, Wurzeln, Bäche bergauf und ab trabt. Als wolle er mir sagen: „Schau her, das habe ich gelernt.“ Es macht ihm sichtlich Spaß! Ich bin sehr beeindruckt und versuche, ihn so wenig wie möglich zu stören und bei seiner Arbeit zu behindern. Ein tolles Pferd! Ich bin sehr stolz. Ab und zu schaut sich der letzte Gaucho um, um zu sehen, ob wir mithalten können. Todo bien. Auch Jefe, unser Pilchero schafft alles mühelos. Nach anderthalb Stunden kommen wir am Puesto Morro an. Die Pferde werden in zwei Gruppen geteilt und auf ihre neuen Weidegründe noch höher in die Bergen getrieben. Wir werden die Nacht am Puesto verbringen und satteln ab. Was für ein aufregender Tag! Was für die Gauchos tägliche Arbeit ist, war für mich ein tolles Abenteuer. Dass Söckchen ein ganz tolles Pferd ist, ist mir bewusst gewesen. Nach dem heutigen Tag, ist meine Achtung nochmal um Einiges gewachsen. Danke, mein Söckchen. Der regnerische Tag endet mit einem Regenbogen am Puesto für uns. Ich nutze die Zeit, um mit den neuen Errungenschaften Mehl und Grassa (Schafsfett) torta fitas zu backen. Hm, der strenge Geschmack ist gewöhnungsbedürftig. Aber ich habe mucho hambre – viel Hunger. Der Regen hat aufgehört und wir liegen noch lange am Feuer und reden über den Tag mit den Gauchos der Familie Vigero. Ich habe die Funktionstüchtigkeit meiner linken Hand gegen ein spannendes Abenteuer eingetauscht. Gebrochen ist nichts, aber der dicke Ballen färbt sich blau.

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