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Eine Proberunde um den Lago Escondido

Sonntag und Montag vergehen mit Sortieren der Dinge. Es entstehen vier Haufen: Dinge, die wir mitnehmen, Dinge die wir deponieren und eventuell später brauchen (wobei ich diesen Haufen viel kleiner gestaltet hätte, Dinge die weggeworfen werden (dieser Haufen wäre bei mir viel größer geworden ;-)) und ein Paket mit Lebensmitteln, die uns später zu einem verabredeten Punkt nachgeschickt werden, weil wir nicht alles auf den Pferden transportieren können. Und wieder bekommen wir die Empfehlung Pakete nicht mit der Post, sondern mit dem Bus zu senden. Mit dem Bus kommen die Dinge am selben Tag an, mit der Post dauert es bis zu zwei Wochen. Am Mittwoch starten wir endlich. Wir wollen heute das Puesto von Juan erreichen und den Lago umrunden. Gaucho Juan berichtet uns von „Gras bis zum Bauch“ . Wir richten uns auf einen gemütlichen Ritt von 2-3 Stunden ein und starten spät. Allerdings erweist sich der Weg als viel anspruchsvoller als erwartet. Wir klettern viel rauf und runter, während ich versuche, mich an die Temperaturen und die Sonne zu gewöhnen. Gegen fünf erreichen wir ein altes Puesto direkt am See auf einem kleinen Ufervorsprung. Ein wunderschöner Platz mit Blick über den See und die Bergkette am Südufer. In einem alten Corral wächst gutes Gras und lädt ein, zu bleiben. Die kleine Holzhütte ist mit allem Wesentlichen ausgestattet, so dass jeden Moment ein Gaucho kommen und bleiben kann. Es sind Lebensmittelvorräte für einige Wochen in einer großen Holzkiste Mäuse sicher verstaut: mindestens 10 Tüten Mehl für Tortas oder pan casero, verschiedene Teigwaren, Öl, Marmelade und Klopapier. Weil es noch zeitig am Tag ist und das Puesto mit "Gras zum Bauch" lockt, verlassen wir etwas widerwillig dieses kleine Paradies. Der Weg wird besser, doch immer wieder kommen Passagen, die wir klettern müssen. Zahlreiche Brücken überspannen die Einschnitte, wo die Arojos aus den Bergen herunter donnern, wenn diese viel Wasser führen. Alle Brücken sind gut Pferde gängig. Dicke Balken aus Baumstämmen überspannen die Klüfte. Das Seeende ist erreicht. Eine recht überschaubare Stelle mit gutem Gras liegt vor uns, ein Puesto aber ist nicht zu sehen. Wir folgen dem Ufer und stehen bald vor dem Fluss, der den Lago Escondido speist. Er kommt aus den Bergen. Ganz oben sehen wir einen Minigletscher und die Schneemütze einiger Gipfel. Endlich taucht im lichten Buchenwald eine Dach auf, ein Assadoplatz direkt am Ufer ist eine weiteres Zeichen, dass hier jemand wohnt. Diese überdachte Feuerstelle ist allerdings für ein Puesto äußerst untypisch – viel zu luxuriös. Nun sehen wir auch dass das Haus eher ein Ferienhaus ist, das im Moment keinen beherbergt. Wo ist das Puesto? Und wo ist das bauchhohe Gras für die Pferde? Wir reiten weiter und sind nun schon am Südufer. Mir sitzt die Zeit im Nacken. In einer Stunde wird es dunkel sein. Zwei reitende Gauchos tauchen auf. Endlich. Die beiden mit den schönen Pferden haben wir heute Mittag beim Abritt am Pferdestall getroffen. Nun stehen wir vor Juans Puesto und fragen nach dem guten Gras und einem Platz für die Pferde. Beide schütteln den Kopf, Gras gibt’s es hier nicht so viel, eventuell in dem alten Corral am Berg. Weil es spät ist, lassen wir uns auf ein eventuell nicht ein. Wenn wir dem Weg folgen, wird es in 20 Minuten eine Stelle mit hohem Gras geben, meint der jüngere Gaucho. Argentinische Zeitangaben kann man gut verdoppeln, dann kommt es hin. Enttäuscht ziehen wir weiter. Der Weg ist breiter und gut, so dass wir schnell vorankommen. Die Qualität des Weges wird allerdings mit zunehmender Entfernung vom Puesto schlechter. Wasser aus den Berghängen macht auch dem lehmigen Boden eine sumpfige Pampe, die die Pferde nur ungern überwinden. Es geht einen schlammigen, steilen Anstieg hoch. Ich habe einfach keine Lust mehr... Dann endlich: Wie von Zauberhand eröffnet sich eine Lichtung mit nahrhaftem, hohen Gras. Wir bleiben. Eine Feuerstelle zeigt, dass auch die Gauchos diesen Platz nutzen. Während Roland die Koppel baut, sammle ich Holz und entfache das Feuer. Ich muss keine fünf Meter laufen, um Holz aller Stärken zu finden. Eine halbe Stunde später ist alles gerichtet, wir sitzen kauend am Feuer und hören das zufriedene Gras rupfen unserer Pferde. Für den Kaffee am Morgen ist dieselbe Arbeit nötig: Holz sammeln, Feuer entfachen, Wasser kochen. Ich bin zeitig wach und sitze mit einem Kaffee auf einer kleinen Anhöhe mit Blick zum See und genieße die Ruhe. Nur ein Wasserfall in der Ferne, Grillen, Vogelgezwitscher und ab und an das Gras rupfen der Pferde überdecken diese Stille. Wunderschön. Ich komme zur Ruhe und immer weiter hier an. Kurze Zeit später passieren die Gauchos unser Lager. Ihre Aufgabe hier ist den Weg in Ordnung zu bringen. Mit Spaten, Freischneider und Motosierra trotzen Sie dem Hang einen gangbaren Weg ab. Wir sitzen mit viel Ruhe um das Frühstücksfeuer. Was für ein wunderschöner Morgen. Wir hören Stimmen. Zwei Reiter nähern sich unserem Lager. Sie sind gemütlich unterwegs. Das können keine Gauchos im Dienst sein. Ich erkenne Ramon und eine Frau. Sicher eine Urlauberin. Einen tollen Job hat er, denke ich so. Die beiden setzen sich zu uns ans Feuer und ich reiche Mate. Wir sind sehr erstaunt, als uns Ramon Diana, sein Frau vorstellt. Wir hatten sie bisher nicht kennengelernt und eine völlig andere Vorstellung von einer Frau, die auf dem Puesto lebt. Diana ist eine moderne, sehr gut aussehende Argentinierin mit langen roten Fingernägeln und geschminkten Augen, die sich im perfekten Englisch mit uns unterhält. Ramon war anzusehen, wie stolz er auf sie ist. Sie hat einige Tage frei und genießt mit Ramon die Schönheit des Sees.

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