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Eine ungeplante Herausforderung

Loncopue 12. Januar 2024



Der längste Flug der Lufthansa von Frankfurt am Main aus landet nach 11756 Kilometern quer über den Atlantik und knapp 14 Stunden in Buenos Aires. Diesmal waren wir schneller, berichtet der Flugkapitän im Landeanflug. Und, dass wir uns beeilen mussten, bevor der Flughafen schießt. Seltsam denke ich, kann aber nur Spekulationen von einem Stromausfall in Erfahrung bringen.

Das ist nichts Ungewöhnliches in Argentinien. Das von Krisen gebeutelte Land ächzt unter dem Druck der Inflation. Ein Prozent pro Tag – erfahre ich von meinem Gastgeber Gabi, der weitab der großen Metropolen Landwirtschaft am Fuße der Anden betreibt.

Ich spüre die Last der Veränderung. Routinen sind hier da, um gebrochen zu werden. Die Menschen haben gelernt mit dem Unkalkulierbaren umzugehen.

Gleich nach dem Ankommen will ich meine Freundin Elsa im Pueblo, dem Dorf besuchen. Bei meinem letzten Besuch vor 9 Monaten saßen wir oft Mate Trinkens und plaudern vor ihrem kleinen Lebensmittelladen. Heute finde ich dort ein anderes Geschäft. Elsa musste aufgeben. Jetzt lebt sie auf ihrem Campo in den Bergen. Ich kann sie nicht erreichen, denn einc Telefonsignal gibt es dort nicht. Wie wird es ihr gehen? In fünf Tagen, wenn ich mit meinen Pferden Don Socke und Canela an ihrem Puesto ankomme, erfahre ich hoffendlich mehr. In Deutschland habe für die attraktive Mitfünfzigerin Schminke gekauft. Nun zweifle ich, ob in dieser Krisen nicht etwas anderes nützlicher wäre. Und gleichzeitig muss ich über meinen deutsch konditionierten Geist schmunzeln. Praktisch statt sinnlich... Elsa sieht das bestimmt anders.


Im Supermarkt mit dem passenden Namen Los Andes kaufe ich Lebensmittel ein und Hufeisen. Vier Stück kosten 14.000 Peso – ungefähr 14 Euro. Nicht viel für mich. Ein Gaucho verdient 108.000 Peso (108 Euro) im Monat und aller 5-6 Wochen braucht er neue Eisen. Ich komme mit Ruben ins Gespräch. Er zieht zwei zerknitterte Zettel aus der Hosentasche seiner zerschlissenen Bombacha, der typischen Gauchohose. „Schau dir das an, es ist unglaublich.“ Er hält mir Rechnungen für Strom und Gas entgegen, die schon im Sommer 10 Prozent seines Monatseinkommens ausmachen. Für meinen bescheidenen Lebensmitteleinkauf bezahle ich 39.664 Peso. Es wird für mich allein eine knappe Woche reichen. Wovon leben Ruben und seine Familie, frage ich mich. Umso mehr berührt es mich, als mir der junge Gaucho einen Satz Hufeisen schenkt. Für diese kleinste Größe No. 1 habe er keine Verwendung. Ich will bezahlen, doch er lehnt ab. Un regalo, ein Geschenk. Diese Großzügigkeit der Menschen hier bewegt mich immer wieder zutiefst. Jeder gibt, was er hat.

Ich durfte auf meinen Reisen durch Welt der Gauchos das Annehmen lernen. Am Nachmittag kaufe ich im Gaucholaden einen Satz Hufeisen No.2. Ruben lächelt, als ich im einen Tausch Vorschläge.

Als ich später meine nun beschlagenen Pferde zurück zur Koppel bringe, entdecke ich Vicente im Kartoffelacker nebenan. Sorgsam häufelt er die Reihen mit Erde an. „Vicente!“ rufe ich laut über den Zaun. Der 83 jährige Gaucho, der auf der Estancia geboren ist und früher Pferde gezähmt hat, hört schwer. Als er mich erkennt, legt ein breites Lächeln seinen zahnlosen Mund frei. Wir umarmen uns herzlich über den aus alten Baumstämmen gebauten Zaun. Er sei gesund und freue sich über die Ernte, die er haben wird. Dafür steht er gern hier in der Sonne. Seine tiefe Zufriedenheit steckt mich immer wieder an.


Trotz der vertrauten Begegnungen wird diese Reise anders beginnen, als die letzten. Ich werde nicht allein durch die Berge pilgern. Für zwei Wochen wird mich Andrea, eine deutsche Pferdefrau, Schamanin und fünffache Mutter begleiten. Das Leben hat uns zusammengeführt. Vor fünf Jahren sah sie mich mit Don Socke zum ersten Mal in den Anden. Sie war mit einer größeren Reisegruppe unterwegs. Wir kannten uns nicht. Damals formte sich in ihr der Wunsch, einmal mit mir unterwegs zu sein, um die Stille und Einsamkeit der Berge erleben zu können. Die Magie des Lebens hat uns zusammen geführt und nun geht ihr Traum in Erfüllung, weil sie daran geglaubt hat. Ich begleite sie auf ihrer Heldenreise raus aus der Komfortzone, dorthin, wo sie jenseits vom Alltag und Verpflichtungen ganz neue Erfahrungen machen kann. Dorthin wo sie sich selbst neu erleben und erkennen kann. „Ich freue mich auf mein Wachstum,“ hat sie mir vom Flughafen in Frankfurt geschrieben.

Und dabei weiß Andrea noch gar nicht, was alles schief gelaufen ist. Das Pferd, das ich für sie organisiert hatte, ist nicht verfügbar. Der Gaucho hat es sich kurzfristig anders überlegt und abgesagt. Und wieder darf ich mich den Unvorhersehbarkeiten des Lebens stellen und Loslassen üben. Das schreckt mich nicht mehr.


Auf der Reise zu sein, heißt: sich jeden Tag auf Neues einzulassen, nichts zu wissen und nicht planen zu können. Das ist eine grandiose Schule für unsere Intuition, die Weisheit unseres Herzens. Unsere innere Stimme spricht mit uns, wenn wir ganz still werden und das Dauerrauschen des Verstandes verblasst.


Eine neue Möglichkeit tut sich auf. Aber erst am Ende der Woche. Da wollten wir schon auf dem Weg in die Berge sein. Ich vertraue dem Leben, es wird einen Sinn ergeben, den ich heute noch nicht sehen kann.




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