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Patagonischer Sturm auf 1700 Meter, kaputtes Bein und andere Verluste

Als mich die Stimmen und das Hundegebell wecken, sind Lukas und Luis schon startklar. Sie reiten ins Nachbartal, vorbei an einem Felsmassiv, der Torta, um Kühe von Lukas zu suchen, die eventuell über den Pass verschwunden sind. Unser Weg. Wir entscheiden uns gegen einen Blitzstart und frühstücken in Ruhe mit Quimai. Das heißt, wir frühstücken und Quimai trinkt typisch argentinisch Mate und knabbert Kekse. Mehr gibt’s bei den meisten Argentiniern nicht. Gegessen wird erst Mittag. Kein Wunder, denn das reichhaltige Abendessen wird nicht vor 22 Uhr serviert, so dass morgens keiner Hunger hat. Eben als wir losreiten kommen Lukas und Luis zurück. Ohne Kühe, doch mit dem neuesten Wetterbericht. Wir waren uns noch etwas unschlüssig, den Pass zu queren, weil die Wetterprognosen Wind und Regen vorhersagen. Bei diesen Bedingungen wollen wir die Passage nicht wagen. Doch vorhin als blaue Fetzen am Himmel zu sehen waren, entschlossen wir uns, die Berge zu queren. Nun Lukas Bericht zur Wetterlage: "Ziemlich viel Wind dort oben, Spitzen bis 100 km/Stunde." Nein, umkehren wollen wir nicht. Wir wagen es. Kaum haben wir das schützende Tal verlassen, spüren wir den patagonischen Wind pfeifen. Ich habe alles an, was ich mit habe (auch Unterhose und Handschuhe) und doch das Gefühl für diese Region nicht die passenden Sachen zu haben. Von Zeit zu Zeit drehen wir uns um. Die Wolkenfront aus dem Tal rückt näher, Nieselregen beginnt, es wird neblig. Es pfeift mich wirklich fast vom Pferd. Der Pass ist erreicht. Der Weg wird durch zahlreiche Kuhspuren uneindeutiger. Roland folgt Lukas Beschreibung, die Spuren der beiden haben wir verloren. Wir erreichen ein wasserführendes Seitental, das wir queren müssen. Es geht steil bergab. Wir führen. Der Untergrund ist nass und schmierig. Ich rutsche aus, und verspüre einen heftigen kurzen Schmerz. Söckchen! Ich weiß nicht, ob er auch gerutscht ist, oder mich umgerissen hat, es tut höllisch weh. Nach einigen Augenblicken ist mir aber klar, dass offenbar nichts gebrochen ist. Der Schmerz lässt nach. Laufen kann ich nicht. Söckchen trägt mich ins Tal. Wir freuen uns über das hohe Gras im Tal. Unsere drei werden nach dem anstrengenden Tag gut versorgt. Allerdings müssen wir weiter. Wir müssen ein Tor mit Schloss passieren, dass uns von Lukas Nachbar, Viktor, aufgeschossen wird. Kurz darauf treffen wir ihn mit Pferd und einer Meute Hunde. Er will uns sofort aufschließen und uns aus der Estancia leiten. Wir fragen mehrfach, ob das Gras hinter dem Zaun genauso gut ist, weil unsere drei nachts fressen müssen, da sie tags arbeiten. Ja, wir sollen zum Fluss, dort steht gutes Futter, versichert uns Viktor. Je weiter wir zum Rio und zum Pueblo Rio Percy kommen, desto schlechter wird die Futtersituation. Oh je, wir fragen an den ersten Grundstücken, die bewohnt sind und werden „weitergereicht“. Schließlich landen wir bei Pablo, direkt am Fluss. Pablo hat selbst Pferde und entsprechend kurz gefressen ist die große Koppel. Die Gauchos sagen, wenn für die Kühe nichts mehr wächst, reicht es noch für die Pferde. Die können die Halmreste noch weiter unten abbeißen. Alle mir bekannten wissenschaftlichen Theorien über Endophythen scheinen hier wirkungslos zu sein. Ich habe hier noch nie ein Pferd mit Hufrehe oder Stoffwechselerkrankungen gesehen. Das kann aber auch daran liegen, dass diese Pferde aufgegessen werden. Mittlerweile wird es dämmrig. Es stürmt und regnet in Strömen. Weil es so spät ist , haben wir keine Möglichkeit, uns nach andern Plätzen umzusehen. Schlecht gelaunt und wütend über die Aussage von Viktor, dass es gutes Futter am Fluss gäbe, baut Roland die Koppel und ich das Zelt auf. „Nein, bitte nicht!“, erfolglos suche ich das Tütchen mit den Zeltheringen. Noch einmal packe ich alles aus. Das kleine braune Tütchen bleibt verschwunden. Dasselbe Braun hatte der Erdboden auf Lukas' Puesto, wo ich das Zelt abgebaut habe... Mir wird heiß und kalt. Bei diesem Sturm ohne Zeltheringe.... Roland bleibt erstaunlich relaxt und packt die fünf Zeltnägel vom Weidezaun aus. Ich bin völlig verzweifelt und überlege hin und her... beim Einpacken lag doch nichts mehr rum...offensichtlich doch. Solche Verluste sind hier hart. Zu Hause kauft man neu nach. Hier ist das unmöglich. Pablo war so lieb und hat uns einen Berg Holz fürs Feuer bereitgelegt. Bei dem Wetter mache ich jedoch kein Feuer mehr. Die Pferde bekommen noch eine Portion Hafer und wir verkriechen uns im Zelt. Deprimiert, hungrig und mit schmerzendem Bein schlafe ich beim Trommeln des Regens auf das Zeltdach ein.

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