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Zu Gast bei Butch Cassidy

Nach so viel Schlaf wache ich zeitig auf, stehe auf, widme mich meinem Durchfall und freue mich, dass ich in der  Despensa in El Hojo zusätzlich Klopapier eingekauft habe. Ich bin so froh, denn endlich haben die Magenschmerzen aufgehört. Gerade will ich den Kocher für Kaffeewasser anwerfen, wir machen kein Feuer, um nicht entdeckt zu werden, höre ich sehr nach Hufe durch den steinigen Boden sehr nahe kommen. Der „Weihnachtsflüchtling“ kommt zurück. Aus meiner Deckung im Gebüsch sehe ich, dass er sich diesmal unsere Pferde sehr interessiert ansieht. Er hält nicht an. Roland ist nun auch wach und hat den Reiter gehört. Wir beschließen, schnell einzupacken und weiter zu ziehen, bevor der Dueño doch noch kommt und wir Ärger bekommen. Wir folgen dem Rio Blanko – ein sehr breites Flussbett mit weißen Steinen. Im Moment führt er sehr wenig Wasser. Es ist sehr heiß und die wenigen Flussquerungen nutze ich, um das Hemd nass zu machen, so lassen sich die heißen Temperaturen ohne Schatten spendende Bäume ganz gut aushalten. Weiter oben gibt es wieder Wald und große Mallines mit vielen Kühen und drei neugierigen Pferden, die dann beim Anblick unserer Karawane doch flüchten. Der Zaun um das alte Puesto ist ziemlich intakt,  so dass kaum Tiere eindringen konnten. Es steht relativ viel Gras. Hier satteln wir ab. Es gibt ein altes, verfallenes Haus. Es ist sehr unargentinisch in Blockbauweise gebaut. Roland ist überzeugt, dass sich hier die Postzugräuber Butch Cassidy und Sundance Kid versteckt haben. May be … in der Region Cholila waren die Räuber unterwegs. Das „neue“ Haus am Puesto ist leider auch verfallen. Es besteht aus Holz und die Wände aus alten Aluminium-Druckplatten einer Tageszeitung vom 5.11.1999. … Es wird von fünf tödlichen Überfällen in Cholila in eine Woche berichtet, Cholila bleibt also auch nach den Posträubern ein heißes Pflaster. Das Puesto ist zwar verfallen, aber mit allen nötigen Dingen, die der Gaucho benötigt, ausgerüstet. An der teilweise noch vorhandenen Decke ist ein kleiner und ein großer Topf aufgehängt. Der große Topf ist randvoll gefüllt mit Tasse, Teller, Öl, Salz, Besteck... Eine zusammengerollte Matratze aus Schaumgummi ist ebenso mäusesicher an der Decke befestigt. Ein großer Tisch aus Baumstämmen und -brettern, der draußen neben der Feuerstelle im Schatten einer Coihue fest aufgebaut ist, vervollständigen die Ausstattung. Es ist wunderschön hier. Neben der Feuerstelle murmelt ein Bächlein, der das Puesto, uns und die Pferde mit frischem Wasser versorgt. Nach und nach fallen mir weitere praktische Gerätschaften in die Hand, die das Gaucholeben vereinfachen. Den großen, über 20 cm langen Schleifstein benutze ich für mein Messer. Wunderbar scharf! Auch hier gibt es Tassen, die aus Lattas, einfachen Blechdosen, gebaut werden. Sie fehlen auf keinem Puesto. Die Dosen sind zum Wegwerfen zu schade. Mit Draht wird ein mehr oder weniger aufwändiger Henkel gebogen, fertig ist die Tasse oder das Heißwassergefäß für den Mate. Wir fühlen uns in dieser Idylle sehr wohl und beschließen, einen Ruhetag einzulegen. Ruhetage sind Tage zum Wäschewaschen, Backen, Faulenzen und Zeit, die treibenden Gedanken festzuhalten. Ich bin noch immer stark von den weihnachtlichen Terrorereignissen in Deutschland ergriffen. Hier jagt nicht eine Nachricht die andere, hier bleibt die Zeit, die Geschehnisse wirklich zu reflektieren und zu verarbeiten. Ich setze mich lange mit "innerem" und "äußerem" Frieden auseinander. Noch nie war mir so bewusst, was für ein großes Glück meine Kindheit ohne Krieg war. Als DDR-Kind bin ich mit Frieden als Selbstverständlichkeit aufgewachsen - Kriege gab es nur aus Berichten und weit weg. Die Welt ist heute weiter zusammengerückt - durch Medien und Reisen...

Eine der Aludruckplatten mit neuen Gedanken Auch unsere drei genießen den Ruhetag. Sie liegen in der Sonne und schlafen viel, grasen das Puesto ab und wälzen sich auf den wenigen unbewachsenen Stellen im Staub. Neben einer solchen Kuhle steht das Zelt und Trömmel wälzt sich hin und her und landet … oh, nein...auf dem Zelt. Der Schaden hält sich zum Glück in Grenzen. Zu Rolands Aufgaben kommt heute noch "Zelt reparieren" dazu...

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