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Flussquerung unmöglich

Am Samstag, dem 10. Dezember verabschieden wir uns von Vanessa und Brauli, die seit zwei Monaten hier leben. Sie reiten den kürzeren Weg vom Rio Turbio hierher – drei Stunden, sagen sie durch steiles Gelände. Wir folgen dem ausgetretenen Pfad, steil, aber nicht steinig und gut begehbar. Wir klettern hinauf und genießen ab und zu den Blick zurück zum Lago Esperanza. Dann geht’s an der Flanke des Rio Bravo steil hinunter ins Tal des Turbio. Heute wollen wir auf der Estancia des Señor Vigero ankommen, um uns morgen den Weg durch den Fluss in Richtung Plataforma, unserem nächsten Ziel, zeigen zu lassen. Gegen 19 Uhr kommen wir im Tal an. Der Turbio ist hier ein gewaltiger Strom mit hoher Fließgeschwindigkeit. Das Ufer auf der anderen Seite mag 100 Meter entfernt sein. Immer wieder sind Inseln, Sandbänke und reißende Stromschnellen zu sehen. Wir rasten am Ufer. Die Pferde erholen sich von anstrengenden Abstieg und fressen das gute Gras zwischen den zahlreichen Büschen der Rosa mosqueta. Der Fluss ist ein Schauspiel. Gewaltig. Da wollen wir durch! Für die Vigeros ist das "täglich Brot", wenn sie auf die andere Seite wollen, dann irgendwo da hindurch. Sie werden uns einen sicheren Weg weisen, hoffe ich. Wir haben gehört, dass der letzte Postero, der vor einer Woche rüber ist, mit dem Pferd schwimmen musste. Beim Anblick dieses reißenden Stroms beunruhigt mich dieser Gedanke. Aber wir folgen ja den Vigeras. Genau, dort wollen wir heute noch ankommen. Eine gut begangene Spur führt und zum Flussufer, das muss der Weg zur Estancia sein. Plötzlich verschwindet der Weg im Fluss. Turbio heißt der Trübe. Name ist Programm - nichts ist zu erkennen. Ein Stück trauen wir uns ins Ungewisse zu reiten. Doch weil wir überhaupt nicht wissen, wie der Weg verläuft, kehren wir um. Roland zieht Hose und Schuhe aus und ertastet einen möglichen Weg durchs eiskalte Wasser. Immer wieder steht er im bauchtiefen Nass. "Das wird heute nichts!" Wir vermuten, dass aufgrund der Regenfälle der letzten Tage der Wasserstand besonders hoch und den Weg einfach verschluckt ist. Wir versuchen es morgen wieder. Ich bin froh, denn ich bin müde und hungrig. Auf dem Rückweg zur Rosenwiese, wo wir unser Nachtlager aufschlagen wollen, treffen wir auf einen Pfad, der bergaufwärts verläuft und offenbar den Felsen, der bis zum Fluss reicht, bergseitig umgeht. Der Weg zur Estancia bei Hochwasser, so der Gedanke. Vielleicht zehn Minuten können wir dem Weg mühelos folgen. Dann werden wir durch umgestürzte Bäume aufgehalten. Wieder muss Roland den Weg zu Fuß erkunden, während ich mit den Jungs warte. Es ist ein Gewirr von Fußspuren zu erkennen, aber kein brauchbarer Weg zur Estancia. Endlich kehren wir um und bauen in der Dämmerung das Nachtlager. Todmüde schlafe ich ein. Nachts wache ich auf. „Wenn wir die Vigeras nicht finden, finden wir selbst einen Weg durch den Turbio“, Rolands Worte gestern Abend hatten wohl diesen Traum bei mir ausgelöst, der mich nun hellwach dem Rauschen des Flusses zuhören ließ. Irgendwann erliege ich der Müdigkeit und schlafe wieder ein.

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